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 Inge Brünger-Mylius – Geschäftsführende Gesellschafterin bei der SMV Sitz- und Objektmöbel GmbH
Mein Besuch bei SMV Sitz- und Objektmöbel fängt mit etwas an, das ich noch nie erlebt habe. Das Gespräch mit Inge Brünger-Mylius bringt weitere Überraschungen. Jetzt sitze ich hier und überlege, wie ich am besten in diesen Text einsteige. Es gibt so viele Möglichkeiten. Ganz ehrlich: Ich kann mich nicht entscheiden. Inge Brünger-Mylius schreibt niemals Stellen in der Zeitung aus und bekommt trotzdem reichlich Bewerbungen. Fachkräftemangel? Den gibt es bei SMV in Löhne nicht. Für interessante Initiativbewerber schafft sie Stellen, auch wenn eigentlich gerade keiner gesucht wird. Bei Bewerbungen von Auszubildenden guckt die 56-jährige Quereinsteigerin niemals auf die Noten. Selbst wenn die noch so grottig sind, spielt das für sie keine Rolle. Gearbeitet wird in Großraumbüros. Klingt gruselig. Ist in der Realität aber einladender, als man vermuten würde. Womit würden Sie anfangen?

Ich fange vorne an. Anreise nach Löhne. Das Firmengebäude kommt in Sicht. Die Parkplätze befinden sich vor dem Haus und es gibt noch eine Lücke gleich neben dem Eingang. Ich rolle langsam ran um zu gucken, ob mir das Glück treu bleibt und auf dem Schild “P – Besucher” steht. Tut es nicht. Auf dem Schild steht mein Name. Irritiert halte ich an und gucke noch mal in Ruhe. Ja, da steht wirklich mein Name. “Das mit dem Parkplatz ist ja wirklich ‘ne coole Sache”, haben die Damen am Empfang bestimmt schon unzählige Male gehört. Gleich daneben begrüßt mich auch noch ein großes Display als einen von drei Besuchern heute.
Inge Brünger-Mylius ist gelernte Erzieherin
Die Chefin erscheint. Seit 22 Jahren ist die gelernte Erzieherin und Mutter von drei Jungs Geschäftsführerin bei SMV Sitz- und Objektmöbel. Sie selbst hat sich in ihrem Leben zwei Mal beworben: Einmal für den Ausbildungsplatz und einmal für eine Stelle als Erzieherin nach Abschluss der Ausbildung. Danach übernahm sie das Unternehmen in Löhne von ihren Eltern.
Wir klären erstmal die harten Fakten. Im Schnitt kommen zwei Initiativbewerbungen pro Woche rein. Es bewerben sich Konstrukteure, Ingenieure, Tischler, Polsterer, Näher und ganz viele Leute fürs Büro. Diese Bewerbungen guckt sich Brünger-Mylius auch dann gründlich an, auch wenn sie gerade keinen Job zu vergeben hat. “Ich habe dadurch interessante Menschen kennengelernt und für die dann Jobs geschaffen”, berichtet sie von ihren Erfahrungen. “Ich beschäftige mich näher mit diesen Menschen und gucke, ob ich für die Person etwas stricken könnte. Etwas, das den Qualitäten desjenigen entspricht”, geht die Chefin ins Detail.
120 Bewerbungen OHNE Anzeige
Zwei Initiativbewerbungen pro Woche sind, wenn man sich auf diese Weise damit beschäftigt, eigentlich schon zu viel. Vor Kurzem suchte sie wirklich zwei Leute: Einen Assistenten der Geschäftsleitung und einen Mediengestalter für das Marketing. 120 Leute schickten eine Bewerbung. Natürlich digital: “Die Bewerbungsmappe ist ein echtes Auslaufmodell.” Ich habe den Fehler gemacht, davon auszugehen, dass SMV eine Stellenanzeige geschaltet hat. Erst ganz am Ende unseres Termins kam heraus, dass ich damit komplett auf dem Holzweg war: “Für Stellenanzeigen gebe ich kein Geld aus.” Okay … wie geht’s denn dann? “Ich poste das auf Xing und auf Facebook, gebe die Information in meine Netzwerke wie zum Beispiel die Unternehmerinnen Initiative und setze auf Mitarbeiter- und Mund-zu-Mund-Propaganda”, betont Inge Brünger-Mylius. Außerdem lädt sie häufig Leute in das Unternehmen ein: “Wenn ich jemanden suche, dann erzähle ich bei solchen Gelegenheiten immer davon.” Eine schriftliche Bewerbung möchte sie auch von Leuten aus dem eigenen Netzwerk haben. Ich frage nach, ob es sich bei diesen Kandidaten eher um eine “Bewerbung der Form halber” handelt und ernte Zustimmung. Im Einzelfall kommt es sicherlich darauf an, wie gut der Jobsucher bekannt ist.
Im Bewerbungsprozess entscheidet sie nach Bauchgefühl. Beim Anschreiben sieht sie gleich, “ob jemand Internet & Co. bemüht hat oder es ein ehrliches Anschreiben ist, das von Herzen kommt”. Ob sie weiterliest entscheidet sie in Sekunden und damit schneller, als alle anderen Personalentscheider, mit denen ich bisher gesprochen habe. Auch im Vorstellungsgespräch vertraut sie ihrem Gefühl: “Von einem Psychologen habe ich mal gehört, dass sich ein Mensch maximal drei Minuten verstellen kann.” Eine spezielle Gesprächsführung oder klassische Fragen hat sie also nicht. Auf die Frage, was ihr persönlich bei einem Bewerber wichtig ist, antwortet Brünger-Mylius: “Er muss natürlich, ehrlich, freundlich und offen sein.” Etwas provokant merke ich freundlich lächelnd an, dass ich “teamfähig” als fünfte Floskel vermisse. Inge Brünger-Mylius lächelt freundlich zurück: “Teamfähig wird man bei uns automatisch. Das kann ich im Gespräch nicht herausfinden. Das zeigt sich erst hinterher.” Und sie gibt zu, dass es nach Floskeln klingt, es aber keine sind. Vor allen Dingen Ehrlichkeit ist ihr wirklich wichtig, was sie auch im Audio-Interview noch mal betont. Weil es mit der Besetzung der Stelle im Marketing im ersten Anlauf nicht geklappt hat, probiert Inge Brünger-Mylius gerade etwas Neues: Leiharbeit. Nach Stefan Oliver-Strate von Schüco ist sie die zweite Interviewpartnerin, die mir davon berichtet.
Zeugnisse interessieren Brünger-Mylius nicht die Bohne
Bei Schülern guckt die SMV-Chefin nie auf die Zeugnisnoten. Sie hat gerade einen Azubi eingestellt, dessen Zeugnis noch deutlich schlechter gewesen sein muss, als meins damals. Und das war schon nicht der Hit.
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