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Hypercobalaminämie – Mögliche Vitamin B12 Nebenwirkungen

Category: Health
Duration: 00:00:00
Publish Date: 2018-01-27 01:00:27
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Vitamin B12 – ein wasserlösliches Vitamin, das insbesondere unter vegan lebenden Personen in Zusammenhang mit Mangelzuständen in aller Munde ist. Verständlich, zumal eine Unterversorgung zu verheerenden, irreversiblen Schäden des Nervensystems und der Blutbildung führen kann. Die Bedeutung seiner Anwesenheit bzw. Nicht-Anwesenheit in der rein pflanzlichen Ernährung ist definitiv hervorzuheben; allerdings wird kaum über mögliche Vitamin B12 Nebenwirkungen gesprochen, denn eine Überversorgung mit Cobalamin ist auch möglich, dafür gibt es beispielsweise pathologische Ursachen. Aber nicht nur durch Erkrankungen bedingt kann uns das essentielle Vitamin potentiell zum Verhängnis werden. Vor allem hochdosierte Präparate sowie parenterale Gaben können unerwünschte oder gar gefährliche Vitamin B12 Nebenwirkungen hervorrufen. Welche das sind und wie die Problematik überhaupt zustande kommen kann: wir sind dem Thema näher auf den Grund gegangen.

Hypercobalaminämie: Definition

Vitamin B12 Vegan

Als Hypercobalaminämie wird die Überversorgung mit Vitamin B12 (Cobalamin) bezeichnet; definiert wird dieses pathologische Erscheinungsbild mit einem Blutwert von > 950 pg/ml bzw. > 701 pmol/l (Andrès et al., 2013). Der gesunde Referenzbereich liegt übrigens bei 191-663 pg/ml und korreliert eng mit der oralen Cobalaminzufuhr, weshalb sich der alleinige Vitamin B12-Wert aus dem Blut nicht als adäquater Parameter für eine Mangeldiagnostik eignet (Herrmann et Obeid, 2014).

Eine Überversorgung mit Vitamin B12 über die Nahrung ist kaum möglich und auch nicht bekannt, da das dazu benötigte Transportprotein IF (Intrinsic Factor) sowie die Absorption über die Darmschleimhaut zwei wesentliche Barrieren darstellen. D.h. selbst wenn die Ernährung reich an Cobalamin ist, nimmt der Organismus keine überschüssigen Mengen in den Blutkreislauf auf. Zudem hängt die Bioverfügbarkeit des konsumierten Vitamin B12 von der jeweils zugeführte Menge ab (Domke et al., 2004). Unser täglicher Bedarf liegt bei 3 µg (DGE, 2016).

Vitamin B12 finden wir in Nahrungsmitteln tierischen Ursprungs, in Milch(produkten), Eiern sowie Fleisch und insbesondere in Innereien. Die klassischen Zufuhrquellen für Veganer sind Nahrungsergänzungspräparate, in der Regel in Form von Methyl- oder Cyanocobalamin sowie in oral einzunehmenden Darreichungsformen, wie (Lutsch)Tabletten oder Tropfen. Eine weitere Möglichkeit der Vitamin B12-Gabe, welche insbesondere bei einem klinisch manifesten Mangel verabreicht wird, ist die parenterale Form bzw. Vitamin B12-Spritzen. Dabei gelangt das Cobalamin direkt in die Blutbahn und umgeht die enterale Absorption mit Hilfe des Intrinsic Factors. Vor allem bei dieser Vitamin B12-Quelle kann es zu unerwünschter Symptomatik aufgrund einer Überdosierung kommen.

Symptome

Hypercobalaminämie ist in seiner klinischen Symptomatik noch nicht vollständig erforscht; allerdings konnte gezeigt werden, dass hohe Vitamin B12-Blutwerte die diagnostischen Merkmale eines Cobalaminmangels hervorrufen können, was an der Bindung zu den unterschiedlichen Transportproteinen liege. Es wurde eine vermehrte Adhärenz an die „inaktiven“ Formen TC I und III beobachtet, zwei Transportproteine, welche lediglich die Bindung von freiem Vitamin B12 sichern. TC II ist dagegen für die Aufnahme in die Körperzellen, insbesondere ins hepatisches Gewebe, verantwortlich; überschüssiges Cobalamin im Blut zeigte eine kaum nachweisbare Bindung an TC II (Andrès et al., 2013). Als mögliche Ursache wird eine autoimmun-bedingte Bildung von Antikörpern, d.h. Abwehrstoffen, gegenüber diesem relevanten Bindungsprotein TC II angesehen (Takahashi et al., 2013).

Wird das Vitamin aufgrund eines Mangels in Form einer Spritzenkur verabreicht und gelangt in hoher Konzentration direkt in die Blutbahn, ist eine immunologische Reaktion mit Hautreaktionen möglich.

Ursachen

Pathologisch erhöhte Cobalaminwerte liegen in den meisten Fällen bestimmten Erkrankungen bzw. Organfunktionsstörungen zugrunde, insbesondere das Lebergewebe betreffend. Dazu zählen beispielsweise Hepatitis, Tumoren beziehungsweise Metastasen in der Leber; es wurden aber auch Fälle mit Hypercobalaminämie bei Leukämie, Autoimmunerkrankungen sowie Lungen- und Nierenfunktionsstörungen beobachtet (Andrès et al., 2013; Arendt et al., 2013).

Die Zufuhr von hochdosierten Nahrungsergänzungsmitteln führt neben der beschränkten Aufnahme über den IF zu einer passiven Diffusion, d.h. das Vitamin kann ohne IF-Bindung und Rezeptoraufnahme frei in den Blutkreislauf gelangen. Allerdings findet diese Absorptionsmethode lediglich in begrenztem Ausmaß statt. Neben der exzessiven Einnahme von Nahrungsergänzungspräparaten kann die parenterale Verabreichung von Vitamin B12 eine weitere Ursachen für einen Überschuss sein, welche wahrscheinlich mit einer Reaktion des Immunsystems zur Bildung von Anti-TC II-Antikörpern einhergeht.

Besteht ein gesundheitliches Risiko?

Die EFSA sprach sich auf Basis der Datenlage im Jahr 2015 für keine bislang bekannten gesundheitlichen Risiken bei der Einnahme von Nahrungsergänzungspräparaten aus, weshalb auch keine Maximaldosis bzw. Höchstmenge der Tageszufuhr, auch als Tolerable Upper Intake Level bezeichnet, ausgegeben wird (EFSA, 2015). Das BfR empfiehlt allerdings, die tägliche Zufuhrmenge auf maximal 9 µg, sprich das dreifache der empfohlenen Tagesmenge, zu begrenzen. Diese Empfehlung wird mit Gründen des vorbeugenden Gesundheitsschutzes argumentiert (Domke et al., 2004).

Eine aktuelle Studie zeigte, dass die regelmäßige Überdosierung von isolierten  Vitamin B12-Präparaten, insbesondere unter männlichen Rauchern, das Risiko für Lungenkrebs erhöhen kann (Brasky et al., 2017). Mit Ausnahme dessen konnte ein tumorgenerierender Effekt in der Vergangenheit nur in einem Tierversuch mit Ratten gezeigt werden (EFSA, 2006).

Bei der Verabreichung von Vitamin B12 unter Umgehung des Magendarmtraktes wurden einerseits immunologisch bedingte Hautreaktionen, wie Ekzem, Akne oder Urtikaria, beobachtet. Diese Nebeneffekte bergen jedoch aufgrund ihrer Reversibilität keine nachhaltige Gefahr in sich. Andererseits kann es, wenn auch nur in seltenen Fällen, zu schwerwiegenden Reaktionen, wie dem anaphylaktischen Schock kommen; dabei handelt es sich um eine maximale Überempfindlichkeitsreaktion des Immunsystems mit unterschiedlich ausgeprägten Schweregraden, welche jedoch akut lebensbedrohlich sein kann (Bilwani et al., 2005).

Cyanocobalamin, eine stark vertretene Form in Supplementen, ist durch das darin enthaltene Cyanid (Blausäure) in der Regel keine Gefahr für den Konsumenten. Die von der EFSA ausgegebene Höchstmenge an Blausäure ist selbst über die Zufuhr in hochdosierte Präparaten noch vertretbar.

Risikogruppen und Risikofaktoren

Personen mit den bereits beschriebenen Erkrankungen, primär Tumoren der Leber betreffend, können eine Hypercobalaminämie entwickeln. Außerdem Personengruppen, welche Cobalamin insbesondere in parenteraler Form überdosieren, können von reversiblen Hautreaktionen betroffen sein.

Rauchen stellt einen potentiellen Risikofaktor bei der regelmäßigen Einnahme hochdosierter Vitamin B12-Präparate dar. So kann gegebenenfalls die hepatische Tumorgenese gefördert werden. Außerdem ist die Konzentration von Cyanocobalamin lediglich bei Rauchern aufgrund der erhöhten Cyanidbelastung des Zigarettenrauches in Kombination mit dem Nahrungsergänzungsmittel im Plasma nachweisbar (Domke et al., 2004).

Hypercobalaminämie in unserer Gesellschaft

Eine Überversorgung mit Vitamin B12 stellt hierzulande kein nennenswertes Problem dar. Laut der Nationalen Verzehrsstudie (2008) liegt die durchschnittliche Cobalaminaufnahme der deutschen Bevölkerung, welche vorrangig einer Mischkost entspricht, knapp über den Empfehlungen von 3 µg/Tag.

Mängel lassen sich häufiger beobachten, wobei ältere Personen sowie Vegetarier und insbesondere Veganer Risikogruppen darstellen. Diese werden ab einem Serum-Cobalaminwert von weniger als 148 pmol/l (200 ng/l) sowie zugleich erhöhten Homocystein- und/oder Methylmalonsäurewerten diagnostiziert (Shipton et Thachil, 2015).

Hypercobalaminämie bei veganer Ernährung

Vitamin B12 Lungenkrebs

Eine langjährige Umsetzung der veganen Kost ohne Einnahme von Vitamin B12-Supplementen steht in starker Korrelation mit einer Unterversorgung. Stellt man seine Ernährung auf eine pflanzliche Kost um, so dauert es in der Regel Jahre, bis sich ein klinisch manifester Mangel einstellt, zumal der Körper Reservekapazität besitzt. Eine unzureichende Vitamin B12-Versorgung im Kinder- und Jugendalter führt deutlich rascher zu pathologischen Konsequenzen (Stahl et Heseker, 2007). Somit sind Nahrungsergänzungspräparate für diese Personengruppe aus wissenschaftlicher Sicht dringend anzuraten.

Um ein potentielles Risiko der Hypercobalaminämie bzw. mögliche Gesundheitsrisiken von hochdosierten Nahrungsergänzungspräparaten zu umgehen, empfiehlt sich eine jährliche Blutuntersuchung, wonach zielgerichtet substituiert werden kann.

Zusammenfassung: Potentielle Risiken von Vitamin B12

Bei einer überdurchschnittlichen Versorgung mit Vitamin B12 und somit Blutwerten über den Referenzbereich hinaus, spricht man von der sogenannten Hypercobalaminämie. Ausgewählte Organerkrankungen sowie insbesondere Tumore stehen in Verbindung mit dem Auftreten dieses pathologischen Erscheinungsbildes.

Alimentär zugeführtes Vitamin B12 kann aus physiologischen Gründen generell keine Hypercobalaminämie verursachen. Die regelmäßige Einnahme hochdosierter Präparate hat möglicherweise kanzerogenes Potential, insbesondere unter Rauchern. Vitamin B12-Spritzen können in hochdosierter Form immunologisch bedingte Hautreaktionen hervorrufen, weshalb sich für die Supplementierung unter Veganern eine zielgerichtete Menge empfiehlt, die an den individuellen Blutwert angepasst wird, um mögliche Vitamin B12-Nebenwirkungen zu vermeiden.

Literatur

Andrès E., Serraj K., Zhu J., Vermorken A.J.M. The pathophysiology of elevated vitamin B12 in clinical practice. The Quarterly Journal of Medicine (2013). Vol. 106: 505–515.

Arendt J.F.B., Pedersen L., Nexo E., Sørensen H.T. Elevated Plasma Vitamin B12 levels as a Marker for cancer: A Population-Based cohort Study. Journal oft he National Cancer Institute (2013). Vol. 105(23): 1799-1805.

Bilwani F., Adil S.N., Sheikh U., Humera A., Khurshid M. Anaphylactic Reaction after Intramuscular Injection of Cyanocobalamin (Vitamin B12): a Case Report. Journal of Pacistan Medical Association (2005). Vol. 55(5): 217-219.

Brasky T.M., White E., Chen C.-L. Long-Term, Supplemental, One-Carbon Metabolism–Related Vitamin B Use in Relation to Lung Cancer Risk in the Vitamins and Lifestyle (VITAL) Cohort. Journal of Clinical Oncology (2017). published online before print: 1-9.

Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), Österreichische Gesellschaft für Ernährung (ÖGE), Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE) (2016); Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr; 2. Auflage, 2. aktualisierte Ausgabe.

Domke A., Groflklaus R., Niemann B., Przyrembel H., Richter K., Schmidt E., Weiflenborn A., Wörner B., Ziegenhagen R. Bundesinstitut für Risikobewertung. Verwendung von Vitaminen in Lebensmitteln – Toxikologische und ernährungsphysiologische Aspekte (2004): S 241.

European Food and Safety Authority (EFSA). Tolerable Uppe Intake Levels for vitamins and minerals. (2006): 1-478.

European Food and Safety Authority (EFSA). Scientific Opinion on Dietary Reference Values for cobalamin (vitamin B12). EFSA Journal (2015). Vol. 13(7):4150.

Herrmann W, Obeid R. Ursachen und frühzeitige Diagnostik von Vitamin B12-Mangel. Dt. Ärzteblatt (2008). Heft 40: 680-685.

Max-Rubner-Institut (2008). Nationale Verzehrs Studie II, Ergebnisbericht, Teil 2.

Shipton M.J., Thachil J. Vitamin B12 deficiency – A 21st century perspective. Clinical Medicine (2015). Vol 15(2): 145–150.

Stahl A., Heseker H. Vitamin B12 (Cobalamine) Physiologie, Vorkommen, Analytik, Referenzwerte und Versorgung in Deutschland. Ernährungs Umschau (2007). Vol. 10: 594-600.

Takahashi K., Tsukamoto S., Kakizaki Y., Saito K., Ohkohchi N., Hirayama K. Hypercobalaminemia Induced by an Energy Drink after Total Gastrectomy: A Case Report. Journal of Rural Medicine (2013). Vol. 8(1): 181–185.

Bildquellen

  • Erythrozyten: © Stockunlimited
  • Vitamin B12-Kapsel offen: © pictoores / Fotolia.com
  • Titelbild – Erythrozyten in Blutbahn: © francis bonami / Fotolia.com

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