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Podcast: Was mit Reisen
Episode:

Reise-Journalismus in der DDR Hans-Peter Gaul über 35 Jahre CTOUR und seine Geschichte

Category: Society & Culture
Duration: 00:44:40
Publish Date: 2025-08-10 13:43:07
Description:

Es ist sicher keines der üblichen Jahres-Jubiläen, wo man ganz einfach silbrige gestanzte Papier-Zahlen umkränzt von Ehrenlaub im Schreibwarenladen kaufen kann. Es ist nur eine aufsteigende Nummer. 35 Jahre sind West- und Ostdeutschland jetzt wieder vereinigt. Wenn alles so glatt gegangen wäre, wie es die erste Euphorie versprach zwischen der Mauer-Öffnung und der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990, dann wäre es wirklich jedes Jahr ein Datum der gemeinsamen Deutschland-weiten Freude, und kein krampfiges von oben verordnetes Fest in zumindest einem der Bundesländer.

Leider ist es aber so, dass noch nie das Fremdeln zwischen Ost und West so stark war, wie aktuell. Auch, und das interessiert uns an dieser Stelle ja besonders, im Tourismus. War man in den frühen 90er Jahren noch voller Hoffnung, dass all die Neuen Bundesländer mit ihren landschaftlichen Schönheiten und der Weite als Urlaubsdestination par excellence würden punkten können (vielleicht nicht ganz freiwillig, da die nicht konkurrenzfähige produzierende Industrie ja weitgehend abgewickelt wurde), ist heute weitgehend Ernüchterung. Ja klar, es gibt die nach wie vor beliebte Ostsee-Küste. Aber bereits 20 Kilometer landeinwärts empfängt Besucher immer noch weitgehend aus touristischer Erwartungshaltung heraus die pure Öde. Mehr noch: Es sind weite Landstriche außerhalb der Ballungsräume, die – man muss es leider klar sagen – mittlerweile Nazi-verseucht sind und die geradezu abschreckend wirken auf Urlauber. 

Tourismus im Osten Deutschlands ist also leider keine Erfolgsstory. Und damit auch kein dankbares Objekt für die, die professionell darüber berichten könnten. Vor allem also Menschen, die – da einheimisch – sich am besten auskennen vor Ort und wunderbare Geschichten entwickeln könnten. 

Und trotzdem haben die Reisejournalistinnen und Journalisten aus der früheren DDR in diesem Herbst ein Datum, das sie aus Herzen feiern wollen. Etwas später als das offizielle Datum, am Samstag, 29. November 2025 ab 17 Uhr in der Bulgarischen Botschaft in Berlin, werden die 35 Jahre wirklich bejubelt: denn so lange existiert dann die Reisejournalisten-Vereinigung CTOUR.

Am Anfang war der in Berlin von DDR-Journalist*innen gegründete mehr oder weniger regionale Club geradezu ein Selbstläufer. Endlich Reisefreiheit. Endlich Artikel schreiben können, die nicht vor Veröffentlichung mit vielen „helfenden Hinweisen“ von oben auf Staatslinie gebracht wurden. Denn Reise durfte natürlich nicht zu träumerisch-verführerisch beschrieben werden, um keinen Kontrast zum Elend des eigenen Landes herauszuarbeiten. Da waren schon „saftig-aromatische Tomaten“ in Bulgarien ein Grund zur Zensur. 

Und auch die westlich dominierte Reise-Industrie war voller Wohlwollen gegenüber dem neuen Club. Seine Mitglieder brachten die frohe Kunde der weiten Welt schließlich – selbst permanent begeistert von der neuen Erfahrung – flächendeckend in die Neuen Bundesländer, wo man einen unheimlich hohen Reise-Nachholbedarf hatte. Win-Win.

Ehrenpräsidenten unter sich… (li) Jürgen Drensek, VDRJ, Produzent von WAS MIT REISEN, (re) Hans-Peter Gaul, CTOUR

Ich bin ja „von der anderen Seite“… Seit vielen Jahrzehnten im Vorstand der traditionellen bundesweiten Vereinigung der Deutschen Reisejournalisten (VDRJ), ein Jahrzehnt deren Vorsitzender und und jetzt Ehrenpräsident. Ich habe natürlich auch die Konflikte mitbekommen. Gerade am Anfang, als West-Journalisten sich schon ihren Ost-Kolleginnen gegenüber in der Berufsauffassung sehr überlegen fühlten. Und nicht selten ziemlich arrogant mit ihrer Weltgewandtheit kokettierten, die doch nötig sei, um authentisch berichten zu können. Es waren aus heutigem zeitlichen Abstand gesehen unnötige Hahnenkämpfe. Jeder hatte seine medialen Kunden mit ihren individuellen Ansprüchen. Und vielleicht war es so, dass der West-Leser eher das fein geschliffene, etwas philosophische Essay über eine wandernde Selbstfindung in den Bergen goutierte, während der Ost-Konsument sich mehr über handfeste Service-Ratgeber freute, wie man in Palma zur Kathedrale kommt und wo es einen günstigen Kaffee gibt… Der Köder muss schließlich dem Fisch schmecken, und nicht dem Angler.

Nun, über die Jahrzehnte hinweg hat sich aus dem anfänglichen Fremdeln zwischen CTOUR und VDRJ ein freundliches Nebeneinander entwickelt. Den Umständen war es geschuldet. Denn die Goldenen Jahre im Tourismus und seinem Verhältnis generell gegenüber dem Journalismus sind vorbei. Zusätzlich zum Druck von Seiten der Medien, die entweder gar nicht mehr existieren (und damit kein Ort mehr sind, um journalistische Arbeiten überhaupt zu veröffentlichen), oder deren Honorarangebote mittlerweile ins absolut Unanständige abgestürzt sind. Alle Journalisten kämpfen also mit denselben Problemen. Das schweisst irgendwie zusammen.

Ich, als Ehrenpräsident der „großen“ bundesweit agierenden VDJR, lebe und arbeite nun in Berlin. Nach wie vor dem Stammsitz von CTOUR, dessen Mitglieder bis heute weitestgehend aus Berlin und weit um Berlin herum kommen. So hat sich im Laufe der Jahre ein vertrauensvolles Verhältnis bei vielen Treffen ergeben. Und nach wie vor bin ich etwas neidisch, wie gut bei CTOUR der soziale Aspekt, nämlich das Vereinsleben mit realen Treffen funktioniert. 

Vor allem mit Hans-Peter Gaul, dem Spiritus Rector und unermüdlichem Organisator aller Aktivitäten von CTOUR hat sich mit der Zeit eine wirkliche berufliche Freundschaft entwickelt. Nur durch Zuhören lernt man, Dinge besser einordnen zu können und Lebensläufe zu würdigen, die aus meiner westlichen Sozialisierung und beruflichen Prägung zunächst fremd und wenig attraktiv erschienen.

Und so habe ich mich gefreut, dass Hans-Peter Gaul – mittlerweile auch Ehrenpräsident – nun zusagte, sich mit mir für den „Was mit Reisen“ Podcast, das erste Reiseradio in Deutschland, zu treffen und über die Vergangenheit zu plaudern, aus der heraus dann sein „Baby“ CTOUR entstehen konnte. Es wurde eine sehr interessante, journalistische Geschichtsstunde.

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