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Podcast: Übergabe
Episode:

Deutscher Pflegetag 2025

Category: Science & Medicine
Duration: 00:00:00
Publish Date: 2025-11-08 08:00:06
Description:

DPT - Tag 1

Deutscher Pflegetag 2025

Der erste Tag des Deutschen Pflegetags zeigte, was Pflege in Deutschland aktuell bewegt: neue rechtliche Befugnisse, erweiterte Rollenprofile und der Mut, Verantwortung zu übernehmen – für Patient:innen, Communities und Gesellschaft. Direkt zu Beginn des Tages wurde Cagla Kurtçu mit dem Deutschen Pflegepreis für ihre Leistungen als Community Health Nurse und ihr unerschütterliches Engagement ausgezeichnet: Wir gratulieren von Herzen!

Pflege braucht Strukturen, Mut und Selbstverwaltung

Im Gespräch mit Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats (DPR), wurde deutlich: Pflege steht weiterhin zwischen Fortschritt und Stillstand. In ihrer Eröffnungsrede blickte sie auf die im vergangenen Jahr formulierten Ziele zurück – und auf das, was bisher erreicht wurde.

2024 hatte Vogler vier Kernpunkte benannt: Berufsautonomie, Selbstverwaltung, einheitliche Bildungsstrukturen und Handlungskompetenz. Zwar habe die Pflege in den politischen Diskursen an Sichtbarkeit gewonnen, etwa durch die Personalbemessung oder das Tariftreuegesetz, doch entscheidende Reformen blieben aus. Bundesweite Bildungsstandards, echte Handlungskompetenz und eine verbindliche Selbstverwaltung existieren bis heute nicht. Worte seien da, Taten würden noch fehlen, resümiert Vogler sinngemäß.

Für 2025 formulierte sie daher vier neue Schwerpunkte, die unmittelbar an die bisherigen Forderungen anknüpfen:

  1. Primärversorgungssysteme, in denen Pflegefachpersonen den ersten Zugang zum Gesundheitssystem steuern.
  2. Handlungskompetenz und Befugniserweiterung, also die rechtliche und praktische Umsetzung eigenständiger Entscheidungen.
  3. Eine einheitliche Bildungsarchitektur, die Pflegeausbildung, Studium und Weiterbildung verbindlich zusammenführt.
  4. Die Selbstverwaltung der Pflege, um politische und fachliche Entscheidungen mitgestalten zu können.

Vogler betonte in Anlehnung an das Kongressmotto #pflegebleibt, dass Pflege die erste verlässliche Adresse im Gesundheitswesen sei – kompetent, nah an den Menschen und oft diejenige Profession, die den ersten Kontakt herstellt. In zukünftigen Primärversorgungszentren müsse diese Rolle konsequent abgebildet werden.

Kritisch äußerte sie sich zur aktuellen Umsetzung des Befugniserweiterungsgesetzes. Zwar begrüßt sie das Prinzip, Pflege mehr Handlungsspielräume zu eröffnen, doch warnt sie davor, die Definition pflegerischer Kompetenzen an den GKV-Spitzenverband zu delegieren. Dieser habe eine völlig andere institutionelle Logik – ökonomisch, nicht professionsbezogen. Pflege, so Vogler, brauche die Möglichkeit, ihren Scope of Practice selbst zu definieren und Verantwortung aus eigenem Fachwissen heraus zu übernehmen. Die Angst, Pflege würde Kostenexplosionen verursachen, wenn sie verschreiben dürfte, hält sie für unbegründet: Pflegefachpersonen verordnen heute schon indirekt, indem sie Bedarfe erkennen und ärztliche Maßnahmen initiieren.

Ein zentrales Thema ihres Engagements bleibt die Selbstverwaltung. Vogler bezeichnet das Fehlen einer bundeseinheitlichen Vertretungsstruktur als sträfliche Vernachlässigung staatlicher Verantwortung. Weder existieren valide Daten über die Zahl, das Alter oder die Qualifikation von Pflegefachpersonen, noch kann die Profession eigene berufsrechtliche Standards setzen.
In Krisenzeiten – ob Pandemie, Demografie oder Bevölkerungsschutz – sei das ein strukturelles Risiko. Pflege könne derzeit keine Fortbildungspflichten festlegen, keine Qualitätsindikatoren steuern und keine eigenständige Berufsstrategie entwickeln, weil sie institutionell nicht verankert ist.

Vogler illustriert das Missverhältnis deutlich: Während in anderen Selbstverwaltungssystemen Hunderte Menschen täglich am Erhalt des Systems arbeiten, beschäftigt der DPR bundesweit acht. Pflegekompetenz fließe so kaum in politische Entscheidungsprozesse ein, obwohl sie in allen Versorgungsbereichen dringend gebraucht werde – von der Primärversorgung bis zur Public Health.

Ein pragmatischer Schritt: Der Deutsche Pflegerat hat in den letzten Monaten seine Strukturen geöffnet. Die beiden Pflegekammern sind inzwischen mit Stimmrecht eingebunden. Auch die Landespflegeräte arbeiten in einem neuen gemeinsamen Ausschuss mit.
Vogler sieht darin einen wichtigen Übergang hin zu einer bundesweiten, demokratisch legitimierten Selbstverwaltung der Pflege. Der DPR, ursprünglich als Dachverband der Verbände gegründet, entwickelt sich damit zunehmend zu einer politischen Repräsentanz der gesamten Profession.

Ihr Appell am Ende des Gesprächs ist eindringlich: Pflege muss sich selbst organisieren. Keine Regierung, kein Verband außerhalb der Profession werde die Autonomie von außen bringen.

„Wenn wir glauben, jemand anders bringt uns gute Bedingungen, irren wir uns.“
Christine Vogler

Die Zukunft der Pflege liegt für Vogler in der gemeinsamen Verantwortung: in Verbänden, Kammern, Netzwerken. Jede Mitgliedschaft, jeder Beitrag stärke die Stimme der Profession – und damit die Möglichkeit, Pflegepolitik von innen heraus zu gestalten.

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