Search

Home > Übergabe > Berufsstolz in der Pflege / Gastbeitrag von Lisa Gareis
Podcast: Übergabe
Episode:

Berufsstolz in der Pflege / Gastbeitrag von Lisa Gareis

Category: Science & Medicine
Duration: 00:00:00
Publish Date: 2025-01-07 09:00:27
Description:

Vom Mutmachbuch zu Berufsstolz-Workshops

Berufsstolz in der Pflege / Gastbeitrag von Lisa Gareis

2021 erschein das „Mutmachbuch” von Quernheim & Zegelin mit dem Titel „Berufsstolz in der Pflege”. Ich bin durch Zufall über das Buch gestolpert. Obwohl ich Gesundheits- und Krankenpflegerin sowie Pflegewissenschaftlerin bin, ist mir dieser Begriff noch nicht bekannt gewesen. Ich habe das Buch direkt gekauft.

Dieses Mutmachbuch richtet sich an Pflegefachpersonen und beschäftigt sich, wie der Titel vermuten lässt, mit dem Phänomen „Berufsstolz in der Pflege”. Quernheim & Zegelin beleuchten die Facetten des Berufsstolzes und zeigen das hochkomplexe Wesen der professionellen Pflege auf. Zudem werden praxisrelevante Tipps zur Stärkung des eigenen Berufsstolzes vermittelt.

Im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit war ich auf der Suche nach praxisrelevanten Themen, die ich für Workshops mit Pflege-Azubis und Praxisanleitende, aufbereiten konnte. Da kam dieses Buch mit dem neuen Begriff „Berufsstolz“ wie gerufen. Bei dieser Lehrtätigkeit stellte ich schnell fest, dass das Thema auch meinen Teilnehmenden eher unbekannt war. Ich diskutierte mit Pflege-Azubis und Praxisanleitenden über das Phänomen und bemerkte, dass ganz unterschiedliche Vorstellungen zum Begriff „Berufsstolz in der Pflege“ vorlagen. Es kam teilweise zu hochemotionalen Diskussionen und es wurden Fragen in den Raum geworfen wie: Worauf kann ich im Pflegefachberuf stolz sein? Passt die Emotion Stolz zum Pflegefachberuf? Wirke ich als Pflegefachperson nicht arrogant, wenn ich sage, dass ich stolz bin? Passt eine stolze Haltung überhaupt zum Pflegeimage?

Diese Fragen konnte ich als Pflegefachperson nur intuitiv beantworten. Außerdem habe ich mich zu Beginn an dem Mutmachbuch orientiert. Im Endeffekt habe ich meine Meinung und Annahmen geteilt, ohne einen wissenschaftlichen Bezug zu erstellen. Im Verlauf meiner Lehrtätigkeit wurde mir allerdings bewusst, dass es sich auch nur um meine subjektive Meinung handelt und ich keiner anderen Pflegefachperson zu nahetreten wollte. Außerdem machte ich zu Beginn den Fehler, andere Professionen (Ärzt:innenschaft, therapeutische Berufe) „schlechter“ darzustellen, um die Profession Pflege besonders hervorzuheben. Meine eigentliche Intention war es, meinen Teilnehmenden zu vermitteln: „Pflege ist (lebens-)wichtig, Pflege ist überall, Pflege ist ein besonderer Beruf – andere Berufe sind nicht so einzigartig – also sei besonders stolz drauf“. Leider hatte dies die unabsichtliche Degradierung anderer Berufsgruppen zur Folge. Daher musste ich einen anderen Zugang zum Thema suchen. Außerdem ist mir zunehmend aufgefallen, dass wir bereits innerhalb unserer Profession dazu neigen, Pflegefachpersonen aus anderen Settings eher abzuwerten. Professionell Pflegende auf einer Intensivstation erleben höheres Ansehen als Pflegefachpersonen im Fachbereich der Altenpflege – aber wieso?

Sind Pflegefachpersonen einer Intensivstation somit auch stolzer in ihrer Arbeit als Kolleg:innen in der Altenpflege?

Ich komme aus dem psychiatrischen Pflegesetting und habe häufig erlebt, dass meine Arbeit vom somatischen Fachbereich eher belächelt wird. Also fragte ich mich selbst „Was macht mich in meinem Beruf stolz? Wann habe ich mich in meinem Setting stolz gefühlt?”. Ich stellte fest: Das habe ich mich in all den Jahren nie gefragt. Mir fielen aber schnell viele Situationen ein, in denen ich ein Stolzempfinden hatte, ohne je bewusst darüber gesprochen zu haben. Wieso auch?

Stattdessen habe ich in der Öffentlichkeit, also bei privaten Veranstaltungen/Feiern oder Familienfesten, eher Horrorgeschichten aus meinem Pflegealltag erzählt. Ich berichtete von den krassesten Herausforderungen, den unangenehmsten Pflegesituationen oder jammerte über schlechte Rahmenbedingungen. Zurecht bekam ich dann einen mitleidigen Blick und die Frage gestellt: Wieso machst du das? Also ich könnte das nicht.

Mir wäre damals nie in den Sinn gekommen in der Öffentlichkeit über einen Stolzmoment zu berichten, da ich mir diesen nicht bewusst war. Jammern und schlecht über den Pflegefachberuf zu sprechen, fühlte sich wie ein ungeschriebenes Gesetz an. Außerdem sieht man als Pflegefachperson, besonders wenn man im Fachbereich der psychiatrischen Pflege arbeitet, gerne etwas entsetzte Gesichter. Zumal ich gerne dargestellt habe, dass nicht jede Person dieser Herausforderung gewachsen ist und man trotz aller Widrigkeiten in der Lage ist, diesen Job zu meistern. Mit Berufsstolz hatte dieses Verhalten allerdings nichts zu tun.


Berufsstolz in der Pflege / Gastbeitrag von Lisa Gareis
Lisa Gareis
Total Play: 0