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Der Höhenflug der AfD in den Umfragen nimmt kein Ende, daher drängt sich die Frage auf: Wie schlimm würde es für die Kultur, den Kulturbetrieb werden unter, sagen wir, einer Kanzlerin Alice Weidel?
Schließlich kann einem angst und bange werden, wenn man daran denkt, wie Donald Trump in den USA einschlägige Institutionen demoliert, wie zuletzt das renommierte Kennedy Center in Washington D.C.
Erinnerungskultur als erstes Opfer
Für den Hamburger Kritiker und Kulturexperten Christoph Bartmann steht das erste Opfer einer AfD-geführten Bundesregierung fest. Es wäre die sogenannte „Erinnerungskultur“, von den Rechten gern als deutscher „Schuldkult“ denunziert.
Denn wichtiger als der Holocaust – laut AfD-Ehrenvorsitzendem Alexander Gauland bekanntlich nur ein „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte – würde dann die selbstbewusste Darstellung deutscher Kulturleistungen werden.
Vielleicht werde sich ein Bundesbeauftragter für Kultur und Medien mit AfD-Parteibuch immer noch mit „Aufarbeiten und Erinnern“ beschäftigen, wie der entsprechende Aufgabenbereich des Kulturstaatsministers lautet. Nur eben nicht mehr mit den Verbrechen der Nazis oder deutscher Kolonialherren:
Die Aufarbeitung des Nationalsozialismus könnte er ja etwa durch ein neues Referat für die „Aufarbeitung des Covid-Staatsversagens“ ersetzen.
Quelle: Christoph Bartmann - Attacke von Rechts
Panik ist fehl am Platz
Dennoch hält Christoph Bartmann Panikmache für fehl am Platz. Zwar träumten auch hierzulande rechte Akteure davon, mit der berüchtigten „Kettensäge“ auf den, in ihren Worten, „linksgrünversifften“ Kultur- und Medienbetrieb losgehen zu können – um endlich das manipulierte Volk von der Indoktrination durch woke Meinungsführer zu befreien, klar.
Nein, dass die Kultur in Deutschland resilienter sei, liege schlichtweg daran, dass sie bei uns stärker föderal verankert sei als in anderen Ländern. Das mache ein „Durchregieren“ à la Trump nahezu unmöglich. Zumal es der deutschen Rechten, so Bartmann, bislang noch an einem kulturpolitischen Plan oder auch nur an sich als rechts verstehenden Künstlern fehle.
Eminent wichtig sei für rechte Populisten dennoch der sogenannte „Kulturkampf“, also die Bewirtschaftung der Empörungslust breiter Bevölkerungsschichten:
Wenn etwas als „Kulturkampfthema“ bezeichnet wird, verheißt das meistens nichts Gutes. Es geht dann um unversöhnliche Haltungen: bei Abtreibung oder Migration, Gender und Gendern, Klimapolitik und Ernährung, und am Ende sogar bei Heizungstechnik.
Quelle: Christoph Bartmann - Attacke von Rechts
Zaghaftes „Weiter so!“
Sorgen sollte man sich um den hiesigen Kulturbetrieb also durchaus, zumal in einem Jahr, in dem man womöglich den ersten AfD-Ministerpräsidenten erleben muss.
Und weil das auch der Autor so sieht, kommt sein Buch mit dem Titel „Attacke von rechts. Der neue Kampf um die Kultur“ zur richtigen Zeit. Mit seinem Essay will Bartmann neben einer Problemanalyse auch bessere Argumente liefern, wie der kulturelle Status quo zu verteidigen sei.
Was die Analyse angeht, so ist sein Buch schon allein wegen der erhellenden Seitenblicke auf die – durchweg desolate – Situation der Kultur in Polen, Österreich oder den USA höchst lesenswert.
Und nur zustimmen kann man, wenn der Autor über die Sonntagsreden deutscher Regierungsvertreter spottet, die selten versäumen, die Bedeutung von Kunst und Kultur für eine funktionierende Demokratie und Gesellschaft zu rühmen. Nur dass ihr zaghaftes „Weiter so!“ stets verbunden ist mit dem Zusatz: „nach Maßgabe verfügbarer Haushaltsmittel“.
Werden die Rechten den Kulturbetrieb übernehmen?
Wer sich jedoch Fingerzeige für eine klügere Verteidigung der Kultur erhofft, wird von Bartmanns Buch eher enttäuscht.
Am Ende fragt der Autor sogar die KI, ob die Rechten den Kulturbetrieb tatsächlich übernehmen könnten. Die sagt, durchaus plausibel, einen „langanhaltenden gesellschaftlichen Konflikt“ ohne eindeutigen Sieger voraus.
Trösten wir uns also mit einer anderen Einsicht: Denn historisch gesehen waren konfliktreiche Zeiten für die Kunst noch immer die fruchtbarsten. |