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Description:
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Womöglich begreifen wir alle erst jetzt – und natürlich viel zu spät – das Ausmaß, mit dem die großen Tech-Firmen von unserem Leben Besitz ergriffen haben.
Gerade deshalb kommt der neue Roman von Laila Lalami genau zur rechten Zeit. Er entwirft eine dunkle Zukunftsvision, die der Gegenwart erschreckend ähnelt.
In dieser Zukunft – wir sind in Amerika – stellt ein Unternehmen namens Dreamcloud Hirnimplantate her, die besseren Schlaf versprechen, insgeheim aber Traumdaten sammeln, die darüber mitbestimmen, ob die sogenannte Risikobewertungsbehörde Individuen für Gefahrenträger hält.
In den Fängen des Systems
Wer als Risikofaktor gilt, wird kurzerhand in eines von mehreren Auffanglagern verfrachtet.
Diese werden wiederum von einem privaten Unternehmen namens Safe-X betrieben, welches die Inhaftierten zugleich als billige Arbeitskräfte an andere Unternehmen vermietet.
Auch Sara Hussein, die Protagonistin in „Das Dream Hotel“, gerät auf einem Rückflug von einer Konferenz in London in die Fänge dieses Systems.
Als man sie an ihrem ersten Tag zu ihrer Pritsche brachte, wurde ihr vom Gestank des Bodenputzmittels übel. Sie zog und zerrte am Fenster, dass die Knöchel weiß anliefen, und begriff erst nach einiger Zeit, dass es zugeschweißt war.
Quelle: Laila Lalami – Das Dream Hotel
Unterwerfung für ein freies Leben
Wenn wir der zweifachen Mutter, die bis dahin als Wissenschaftlerin im Getty-Museum in Los Angeles gearbeitet hat, zum ersten Mal begegnen, wartet sie im Madison-Internierungslager bereits ein Jahr auf ihre Freilassung. Immer wieder wird diese verzögert.
Denn die Regeln in diesen Lagern ändern sich täglich und nach Belieben derer, die dort das Sagen haben.
Und obwohl die Insassen rund um die Uhr durch Kameras, Audioaufzeichnungsgeräte und ihre Dreamsaver überwacht werden, dürfen sie das Wort „Gefängnis“ nicht verwenden. Überhaupt sind sie gezwungen, das Spiel mitzuspielen: Jeder Protest erhöht einzig den eigenen Risikofaktor.
Saras Anwalt rät ihr, sich so unauffällig wie möglich zu verhalten.
Was hat sie in den letzten Monaten in der Einbehaltung gelernt? ... Dass sie sich dem System, ganz gleich, wie ungerecht es ist, unterwerfen muss, um zu beweisen, dass sie es verdient hat, nicht mehr von ihm kontrolliert zu werden.
Quelle: Laila Lalami – Das Dream Hotel
Diskriminierung im Namen nationaler Sicherheit
Laila Lalami zeigt dabei mit schmerzlicher Deutlichkeit, wie sich ein solches KI-basiertes System bis tief in die seelische DNA all jener auswirkt, die damit konfrontiert sind. Sara etwa beginnt an sich selbst zu zweifeln: Vielleicht kennt der Algorithmus sie am Ende doch besser als sie sich selbst?
Und noch etwas macht die Autorin beängstigend klar: Das ist die Lüge der Neutralität von KI-gesteuerten staatlichen Systemen.
Sara, die selbst marokkanischer Abstammung ist und eine Frau mit dunkler Hautfarbe, kontrastiert diese Mär mit der rassistischen Diskriminierung, die bereits ihre Einwanderereltern bei jeder US-Flughafenkontrolle erfahren haben. Wer für sich einsteht, hat in diesem System verloren.
Ausreißer sind per Definition unkalkulierbar und damit nicht profitabel. Ihre Handlungen weichen ab, ihre Vorstellungen befremden, ihr Leben wird zu einem einzigen Regelverstoß: Sie sind kriminell.
Quelle: Laila Lalami – Das Dream Hotel
Verbündet euch!
Immer wieder ruft die Lektüre ein körperlich fast unerträgliches Gefühl von Ohnmacht und Widerwillen hervor – Gefühle, mit denen auch Sara immer stärker ringt. Mehr und mehr denkt sie deshalb an Widerstand, mehr und mehr sucht sie Komplizinnen, wissend, dass Gemeinschaft sie zugleich stärken und schwächen kann.
Laila Lalami zeichnet mit „Das Dream Hotel“ insofern ein düsteres, aber absolut realitätsnahes Bild davon, wie die Herrschaft der Tech-Daten uns selbst in die Falle lockt. Aber: Ihr Roman handelt auch vom sich Verbünden und der Kraft der Gemeinschaft.
„Das Dream Hotel“, von Michaela Grabinger in ein so geschmeidiges wie fesselndes Deutsch übertragen, ist somit warnender Weckruf - und zugleich ein ermutigender Aufruf an uns alle. |