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Podcast: SWR2 lesenswert - Literatur
Episode:

Poems of Minneapolis

Category: Arts
Duration: 00:07:48
Publish Date: 2026-02-06 11:00:00
Description:

Politische Lyrik und kein L’Art pour l’art

Bertolt Brecht schrieb mal in einem Gedicht, dass die Begeisterung des Dichters über den blühenden Apfelbaum in brisanten Zeiten notgedrungen zurückstehen müsse: Dann brauche es politische Lyrik und kein L’Art pour l’art. Das war im Jahr 1939, zur Zeit des Nationalsozialismus. In den USA fühlen sich aktuell viele an den deutschen Faschismus erinnert. Immer häufiger skandieren Demonstranten Faschist, Nazi oder Gestapo, wenn sie ICE-Beamten bei ihren Razzien erleben. Angesichts der zunehmenden Zertrümmerung des Rechtsstaats in den Vereinigten Staaten wacht nun auch die Kunstwelt aus einem unruhigen Schlaf auf: Museen in Minneapolis schließen aus Solidarität mit Einwanderern und Demonstrierenden, Buchhandlungen verschenken Bücher an Kinder oder verteilen Trillerpfeifen, Birchbark Books, der Buchladen der Schriftstellerin Louise Erdrich, schloss während der großen Protestdemo und lud Kinder aus der Nachbarschaft zum Spielen in sicherem Umfeld ein; Dichterinnen und Dichter melden sich zu Wort.

Amanda Gormans kämpferischer Nachruf

Am prominentesten Amanda Gorman, die auf die Anfang Januar ermordete Nicole Renée Good, die selbst Gedichte schrieb, einen kämpferischen Nachruf verfasste – vorgetragen auf ihrem eigenen Instagram-Kanal: „They say she is no more,
That there her absence roars,
Blood-blown like a rose.
Iced wheels flinched & froze.
Now, bare riot of candles,
Dark fury of flowers,
Pure howling of hymns.“ Man sagt, Renée Good sei nicht mehr da, wo sie getötet wurde, sieht man nun einen „nackten Aufruhr von Kerzen“ und „die dunkle Wut von Blumen“: Ein simples Gedicht mit eingängigen, nicht allzu subtilen Bildern. Es spricht von einer Betroffenheit, die sich mitteilen will. Es soll Trost spenden. Nicht zuletzt hat es appellativen Charakter – es will die Menschen zum Handeln bringen.

Veränderung durch Liebe

„Change is only possible & all the greater,
When the labour & bitter anger of our neighbors
Is moved by the love & better angels of our nature."
Veränderung sei nur möglich, wenn sie durch Liebe bewegt werde – das Gegenprogramm zum Racheengel Donald Trump. Die letzte Zeile – „better angels of our nature“ – zitiert Abraham Lincolns erste Inaugurations-Rede aus dem Jahr 1861. Es sind große, ja, auch pathetische Worte, die auf ein besseres Amerika abzielen. Gorman wurde berühmt, als sie bei Joe Bidens Vereidigungs-Feier sprach. Seither wird sie millionenfach gelesen und gehört. In einem Interview mit dem „National Public Radio“ sagte die afroamerikanische Autorin, befragt zu ihrem „Poem for Renée Good“: „Das Volk ist die Macht, und das war schon immer so. Ich denke, die Bewegungen und Proteste, die wir derzeit erleben, sind ein Beweis dafür – dass echte Veränderungen möglich sind, wenn wir uns auf unsere gemeinsamen Werte besinnen und zusammenhalten. Die Macht liegt also darin, wie sehr wir einander lieben können und wie leidenschaftlich wir füreinander einstehen, wenn einer von uns zu Fall kommt.“

Es braucht mehr Gedichte

Amanda Gorman steht nicht alleine. Etliche Gedichte, Texte, Essays entstehen in diesen Tagen. Der Autor Charles Baxter schreibt im Magazin „Literary Hub“, dass es vielleicht merkwürdig klinge, aber dass man genau jetzt mehr Gedichte brauche. Er erinnert an die Vietnamproteste 1968 in Minneapolis, wo die Dichter Robert Creeley, Ed Sanders oder Robert Bly vor den Demonstrierenden ihre Texte lasen. Aktuell gehört der Lyriker Michael Bazzett zu jenen, die aktiv werden. Sein Poem „From Minneapolis in January“ endet programmatisch mit der Zeile: „Unser Alptraum ist das Erwachen“. Schon letztes Jahr hat die Dichterin Junauda Petrus ihr „Ritual How to Love Minneapolis Again“ veröffentlicht, aber in diesen Tagen wird es immer wieder zitiert, vor allem jene Zeilen: “That we were neighbors who traded plates of food
with foil blanketing them,
so we all could taste where each other was from
Vietnam, Ethiopia, Chicago, Laos, Red Lake,
Mexico, Trinidad, Somalia,
Mississippi, Ecuador, Liberia, Eritrea, Palestine, Bdót
They wouldn’t understand that it isn’t cold here all the time
Deep, deep, deep down inside
That something here is quite warm.” In Minneapolis ist es nicht immer kalt – ganz tief drinnen gibt es eine große Wärme. Von der Wärme, die solidarisches Handeln erzeugt, sprechen immer wieder die Gedichte von Amanda Gorman. Sie hat nach der Ermordung von Alex Pretti einen weiteren Text verfasst, der die Schüsse der ICE-Beamten Exekutionen nennt: „Our own country shooting us in the back is not just brutality;
it’s jarring betrayal;
not enforcement, but execution.“

Stadt der Helden

Verbinden sich eindringliche Texte mit Musik, ist der Effekt noch ein bisschen größer. Der Folksänger Woody Guthrie spielte in den 1940er Jahren auf einer Gitarre, auf der stand: „This machine kills fascists“ – diese Maschine tötet Faschisten. Kunst hat Kraft. Und sie wird noch immer gefürchtet. Kein Wunder also, dass auch das „book banning“ in den USA um sich greift. Etliche Musikerinnen und Musiker haben sich in den letzten Wochen zu Wort gemeldet. Joan Baez zum Beispiel. Gitarrist Tom Morello von Rage Against the Machine hat ein Minnesota-Benefizkonzert  organsiert. Und vor wenigen Tagen erschien ein neuer Song des Briten Billy Bragg, eines großen Verehrers Woody Guthries. Der Titel: „City of Heroes“. Billy Bragg singt von dem zunächst von den Nazis begeisterten Pfarrer Martin Niemöller, der zu spät erkannte, welchem Regime er da aufgesessen war. Die Menschen in Minneapolis aber wüssten es besser. Denn hier lebe man in einer Stadt der Helden, da habe meine seine Lektion gelernt – wenn die ICE-Polizei gegen Immigranten, Geflüchtete, Fünfjährige oder die Nachbarschaft vorgehe, biete man ihr die Stirn.

Die Toten von Minneapolis

Am wirkungsvollsten aber ist wohl ein Lied, das der Boss in seinem unermüdlichen Kampf fürs Gute und gegen „King Trump“ gerade in den Ring geworfen hat: Bruce Springsteens „Streets of Minneapolis“ trifft einen Nerv, und die Anspielung auf eines seiner berühmtesten Stücke „Streets of Philadelphia“ ist natürlich kein Zufall. Ein Song für Alex Pretti und Renée Good. Vielleicht das Comeback des guten alten Protestsongs, der allerdings nie weg war – nur eben in anderen Formen in der afroamerikanischen Community gepflegt wurde. Springsteens Lied ist auch eine Hymne gegen die Gewalt der Regierung – vielleicht markiert es die Wende im Kampf gegen den autokratischen Kurs Donald Trumps.
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