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Podcast: SWR2 lesenswert - Literatur
Episode:

David van Reybrouck – Die Welt und die Erde

Category: Arts
Duration: 00:04:09
Publish Date: 2026-02-04 11:00:00
Description: Im Jahr 1966 stellte der amerikanische Umweltaktivist Stewart Brand eine überraschende Forderung an die Weltraumbehörde NASA. Warum, fragte Brand, gibt es bislang noch kein Foto des Planeten Erde? Ein Foto der Erde, das war Brands Überzeugung, würde den Menschen die globale Verantwortung ihres Handelns buchstäblich vor Augen führen und sie zu mehr Umweltschutz animieren. Sechzig Jahre später sind wir den Anblick der Erde „von oben“ längst gewohnt. Gebracht hat es aber offenbar wenig.  

Ein Erdfoto macht noch kein Weltbild 

Woran das liegen könnte, darüber hat jetzt der belgische Historiker David van Reybrouck einen klugen, streitbaren Essay veröffentlicht. Er teilt die Diagnose von Brand, dass die mangelhafte Bekämpfung des Klimawandels in erster Linie ein Problem der Perspektive sei – und zwar begünstigt durch unsere Umgangssprache.   Reybrouck greift in seinem Essay mit dem Titel „Die Welt und die Erde“ den semantischen Unterschied auf, der in vielen Sprachen zwischen diesen beiden – scheinbar synonymen – Worten besteht. Während die „Welt“ für das Ganze menschlicher Zivilisation stehe, verweist der Begriff „Erde“ auf den gleichnamigen Planeten als der Totalität physischer Prozesse.   Dem sprachlichen Unterschied korrespondiere eine gefährliche, weil allgemein verbreitete Kurzsichtigkeit gegenüber der Endlichkeit und Empfindlichkeit natürlicher Ressourcen und Gleichgewichte. Die Erde als Raum menschlicher Expansion – dieses alte Bild sei, in einem ganz und gar existenziellen Sinne, nicht mehr zeitgemäß:   „Wer geglaubt hatte, die Welt der menschlichen Betriebsamkeit finde völlig losgelöst von der sie tragenden, physischen Erde statt, wurde in den vergangenen Jahren immer häufiger und schmerzhafter daran erinnert, wie ungemein eng beide miteinander verknüpft sind – es kann keine Weltpolitik geben ohne eine Erdpolitik."  

„Planetar“ statt „global“ 

Auf gerade einmal 60 Seiten vollbringt Reybrouck das Kunststück, allgemeinverständlich zu erklären, warum solch eine solche „Erdpolitik“ notwendig ist. Leichtfüßig führt er uns dabei in zahlreiche Fachtermini der Natur- und Geisteswissenschaften ein, z. B. in den Unterschied zwischen „planetar“ und „global“:   „Die Probleme der Erde sind völlig anderer Art als die Probleme der Welt. Die planetare Polykrise, mit der wir konfrontiert sind, ist kein herkömmlicher Grenzkonflikt, kein gewöhnlicher Krieg, kein Weltkrieg und auch keine globale nukleare Bedrohung. Sie ist etwas radikal Neues, eine Form der Komplexität, die über die klassischen Konflikte zwischen Menschen untereinander hinausgeht. Wie kann „Außenpolitik“ noch „auswärtig“ sein, wenn die Welt in existenziellen Fragen mehr denn je vernetzt ist?"

Die Grenzen internationaler Politik 

So wie Naturkatastrophen sich nicht an Landesgrenzen halten, betrifft der Klimawandel die Weltgemeinschaft als Ganze. Doch wie die mangelhafte Durchsetzung etwa des Pariser Klimaabkommens zeigt, wird aus einer Schicksalsgemeinschaft nicht automatisch auch eine politische Einheit. Reybroucks Urteil ist eindeutig: Die hergebrachten Paradigmen und Institutionen internationaler Politik seien prinzipiell nicht dazu in der Lage, den planetaren Herausforderungen angemessen zu begegnen.  „Die UNO wurde gegründet, um Konflikte zwischen Staaten zu schlichten, und nicht, um den Konflikt zwischen der Menschheit und dem Planeten zu lösen. Wir haben vergessen, dass „international“ im wörtlichen Sinn nur bedeutet: zwischen-staatlich, zwischen Nationen. Der Planet ist jedoch mehr als die Summe von Nationen. Am multilateralen Paradigma festzuhalten ist so, als würde man versuchen, ein Land nur mit einer Konferenz von Bürgermeistern zu regieren."  Mit vielen ermutigenden Beispielen plädiert Reybrouck stattdessen für ein Modell direkter globaler Bürgerbeteiligung in klimapolitischen Fragen. Klar in der Analyse, kontrovers in seinen Vorschlägen – David van Reybrouck hat ein aufrüttelndes Buch geschrieben, das auch aufgrund seiner Niedrigschwelligkeit noch für viele produktive Diskussionen sorgen dürfte.  
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