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Verschwitzer Männerrücken und lüsterne Blicke
Cathrine blickt in die Kamera. Ein verschwitzter, nackter Männerrücken. Heathcliff, oberkörperfrei mit Sixpack. Lustvoll verzogene, schöne Gesichter. Extreme Nahaufnahmen von Haut, Fingern in Mündern. Dazwischen Puppen, Peitschenhiebe, Sex und Erotik auf Hochglanz.
So hat das Emily Brontë aber nicht geschrieben, kommentiert eine Userin auf Instagram.
Die neu angekündigte Verfilmung von „Wuthering Heights“, also Emily Brontës „Sturmhöhe“, spaltet das Netz. Kaum war der Trailer veröffentlicht, ging es in Youtube- und Social Media Videos und in Kommentarspalten um die Besetzung der Hauptdarsteller und Hauptdarstellerin, um die Kostüme, kurz: um die falsch verstandene Adaption der Romanvorlage.
Ein Literaturklassiker, so der implizite Vorwurf, werde hier verraten.
Extreme Emotionen in Yorkshire
„Wuthering Heights“ ist kein neutraler Stoff. Emily Brontës Roman gehört zu jenen Büchern, die weniger gelesen als erlebt werden. Heathcliff und Catherine sind Projektionsflächen für extreme Emotionen.
Die Lesarten des Stoffes sind ganz unterschiedlich. Oder, wie es Schriftstellerin Siri Hustvedt in ihrem Essay „Vom Rätsel des Lesens“ formuliert:
Literatur über ‚Sturmhöhe‘ gibt es im Überfluss, und ihre Inkohärenz ist frappierend.
Quelle: Siri Hustvedt: Vom Rätsel des Lesens, in: Mütter, Väter und Täter
Große Gefühle zu Electro-Pop
Begleitet wird die moderne Neuinterpretation von „Wuthering Heights“ von einem Soundtrack, der sehr eindeutig im 21. Jahrhundert verortet ist. Popsternchen Charli XCX untermalt die Szenen auf den Yorkshire-Landsitzen mit elektronischen Beats.
„I can’t say, I’m surprised, but I’m still disappointed,” meint eine Youtuberin zum Trailer.
Diese Reaktionen haben auch mit der Handlung des Romans selbst zu tun.
Darum geht es in „Sturmhöhe“
Kurz zur Erinnerung: „Sturmhöhe“ erzählt von Heathcliff, einem Findelkind, das von Mr. Earnshaw aufgenommen wird, aber nie wirklich dazugehört. Er wächst gemeinsam mit Catherine auf, verbunden durch eine radikale, fast symbiotische Nähe.
Diese Nähe hat keinen Platz in der sozialen Ordnung. Catherine entscheidet sich für eine standesgemäße Ehe. Heathcliff verschwindet – und kehrt zurück, reich, verbittert und rachsüchtig. Was folgt, ist kein Liebesdrama, sondern Vergeltung, voller Gewalt und der Weitergabe der Rachegeschichte an die nächste Generation.
Oder, zugespitzt, meint Siri Hustvedt:
Plurale Lesarten sind bei jedem Text unvermeidlich, aber dieses spezielle Buch gleicht einer Bombe, die, von seinen Lesern gezündet, explodiert und tausend Fetzen in alle Richtungen fliegen lässt.“
Quelle: Siri Hustvedt: Vom Rätsel des Lesens, in: Mütter, Väter und Täter
Mithu Sanyal: „Ich fand es total super"
Die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin und Emily Brontë-Expertin Mithu Sanyal hat den neuen Film-Trailer mehrfach gesehen:
„Ich muss sagen, ich war ja eher begeistert. Ich fand es total super, weil wenn man versucht, dieses Buch zu nah am Buch zu verfilmen, geht es schief. Ich glaube, es ist überhaupt nicht möglich, einen Roman wie Wuthering Heights zu verfilmen.“
Der Roman aus dem Jahr 1847 sei, so Sanyal, erstaunlich postmodern. Dieselbe Geschichte wird immer wieder erzählt, aus unterschiedlichen Perspektiven, mit einer enormen Dichte an Erzählsträngen. Frühere Verfilmungen zeigen das Dilemma: Oft funktioniert die erste Hälfte, während die zweite nicht mehr trägt oder gleich ganz fehlt.
Rassismus ist zentrales Thema bei Brontë
Besonders hitzig wird derzeit über die Besetzung gestritten. Heathcliff wird diesmal von Jacob Elordi gespielt, einem weißen Schauspieler. Dabei ist die Romanvorlage erstaunlich eindeutig, weiß Sanyal:
„Emily Brontë schreibt, Heathcliff ist schwarz, er ist schwarz, er ist schwarz und weil er so schwarz ist, ist er nicht wie wir. Also auf jeder Seite in diesem Buch steht schwarz.“
Was das in Großbritannien im 19. Jahrhundert bedeuteten konnte: indisch-stämmig, Sinti und Roma oder sichtbarer Migrationshintergrund. Aber relativ klar ist: Heathcliff ist bei Brontë nicht weiß. Rassismus ist kein Randthema, sondern ein zentrales Strukturmoment des Romans.
Dass diese Dimension nun wieder verschwindet, empfindet Sanyal als Rückschritt, auch wenn sie zugleich betont:
„Adaption heißt halt eben auch nicht, es ist einfach die visuelle Umsetzung, sondern es ist immer eine Verwandlung, es ist immer etwas Neues, es ist ein komplett anderes Medium und da dürfen wir uns natürlich Freiheiten nehmen.“
„Sturmhöhe": eine Liebesgeschichte?
Und dann dieser Satz im Trailer:
Wuthering Heights: The greatest love story of all time: Viele Leserinnen und Leser widersprechen empört. „Sturmhöhe“ sei kein Liebesroman.
„Dass es um Liebe geht zwischen Heathcliff und Cathy, das würde ich sagen, absolut", weiß Mithu Sanyal. „Das Zerstörerische ist ja nicht, wie sie beide miteinander umgehen, sondern das Zerstörerische ist ja, dass es eine Gesellschaft gibt, die diese Liebe verbieten möchte.“
Problematisch wird es dort, wo Heathcliff zum romantischen Helden stilisiert wird.
„Er ist in seiner Ehe, also er heiratet dann ja in dem Buch Isabella Linton und da ist er ein wirklich missbräuchlicher, gewaltsamer und auch psychisch gewaltsamer Ehemann.“
Geschichten existieren in unserem kollektiven Gedächtnis
Klassiker taugen schlecht als lebenspraktische Ratgeber. Müssen sie auch gar nicht.
„Wenn Bücher sehr häufig adaptiert worden sind, haben sie ja irgendwann ein Eigenleben. Dann ist es eben nicht mehr das Buch, sondern dann ist es halt, wie in unserem kollektiven Gedächtnis existiert, eine weitere Version dieses Buches.“
Warum aber eignen sich gerade solche Stoffe so sehr für immer neue, freie, oft sehr sinnliche Adaptionen? Warum „Sturmhöhe“?
„Dieser Roman, obwohl es halt keine explizite Sexszene darin gibt, hat ja ein ganz hohes erotisches Potenzial,“ findet die Schriftstellerin.
Literaturverfilmungen sind sexy
Ein auffälliger Trend: Klassikerverfilmungen der Gegenwart sind körperlich, oft auffallend erotisch. Gerade in den Kinos: Die Bestseller-Verfilmung „Hamnet“, traurig – aber sexy.
Oder: „Hedda“, eine moderne Neuinterpretation mit lesbischer Liebesgeschichte von Henrik Ibsens Stück „Hedda Gabler“ auf Amazon Prime.
„Ich als Schriftstellerin hatte ja immer das riesige Problem, dass es zu wenig Sex, also expliziten Sex in Literatur gibt. Also wir haben einfach Sexualität in unserem Leben. Wenn ich mir dann aber Bücher angucke, dann fehlt das.
Die Leute gehen auch relativ selten aufs Klo, das stimmt auch, also es fehlen ganz, ganz viele Dinge. Aber irgendwie, warum haben wir so viele Essensszenen und so wenige Sex-Szenen?," fragt Sanyal.
Und ergänzt: „Deshalb ist es wahrscheinlich eher dieses, das ist der Raum, den diese Klassiker noch bieten.
Das ist ja dasselbe zum Beispiel mit Fan-Fiction, die sich ja ganz häufig an klassischen Stoffen abgearbeitet haben, also die dann Jane Austen weitergeschrieben haben, aber die Sex-Szenen reingeschrieben haben, die ihnen darin gefehlt haben.“
Sex sells - oder?
Dass genau diese Sinnlichkeit nun Widerstand erzeugt, scheint auf den ersten Blick paradox. Sex sells schließlich.
Viele Leserinnen und Leser nutzten Klassiker lange als Gegenentwurf zur Popkultur. Wenn diese Texte nun selbst popfähig werden, verlieren sie ihren exklusiven Status.
Vielleicht ist es also nur konsequent, dass gerade dieser Roman heute wieder provoziert. Klassiker überleben nicht, weil man sie schont, sondern weil man sich an ihnen reibt.
Wenn „Sturmhöhe“ heute sexy, streitbar und polarisierend ist, folgt die Verfilmung womöglich genau dem Geist dieses Romans. Denn Liebe war bei Emily Brontë nie harmlos. Warum sollte sie es im Kino plötzlich sein? |