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Podcast: SWR2 lesenswert - Literatur
Episode:

Passionsgeschichte eines Schriftstellers

Category: Arts
Duration: 00:06:17
Publish Date: 2026-01-16 11:00:00
Description: Paul ist Schriftsteller und er ist am Ende. So jedenfalls sieht er es selbst. Er fühlt sich schuldig am Unfalltod der kleinen Tochter, seine Frau hat sich von ihm getrennt, von ersten literarischen Erfolgen ist nichts geblieben, vom Schreiben will er nichts mehr wissen. Sein letzter Versuch war ein Roman über Herman Melville. Dem fühlte er sich verwandt, weil auch der von der Nachwelt gefeierte Verfasser von „Moby Dick“ in seinen späteren Jahren von Zweifeln und Erfolglosigkeit geplagt wurde. Aber auch dieses Projekt, das zu einem umfangreichen Manuskript angewachsen ist, gerät in den Sog des Scheiterns, der Pauls Lebensgefühl bestimmt. Dem einzigen Freund, der ihm geblieben ist, erklärt er:
Ich bin an eine Grenze gestoßen, weißt du. Anfangs war so viel…Melville in mir. Ich spiegelte mich in ihm und ihn in mir. Je mehr ich aber geschrieben habe, desto mehr hat er sich entzogen. Und in dem Manuskript ging es gar nicht um Melville, sondern eher um mich. Ich sitze fest in einem Schacht, wo niemand hinreicht.

Quelle: Thomas Lang – Melville verschwindet

Das Manuskript im Roman

Dieser von allen Furien gepeinigte Schriftsteller, der sich anspielungsreich auch Meander nennt, ist der Held von Thomas Langs Roman „Melville verschwindet“. Doch ganz so eindeutig, wie dieser Romantitel vorgibt, verhält es sich mit dem Verschwinden des legendären amerikanischen Klassikers nicht. Denn geschätzte zwei Drittel seines Romans hat Thomas Lang mit Auszügen aus dem Melville-Manuskript seines Helden gefüllt: mit biographischen Szenen, mit Gedanken und Nacherzählungen zu einigen der Werke, mit psychologischen Deutungen oder literarischen Reflexionen. Eingebettet sind diese Melville-Passagen in eine damit eng verzahnte Rahmenhandlung. Darin präsentiert sich der Romanheld Paul als Ich-Erzähler, der wortreich seinen existentiellen Absturz beschreibt. Auf Grund seiner Schuldgefühle hat er sich selbst zum Untergang verurteilt und dafür bietet seine Situation das passende drastische Bild.

Scheitern in Literatur und Leben

Als einer der letzten seiner Familie räumt er das Elternhaus aus und entsorgt das Inventar seiner Jugendjahre in zwei große Müllcontainer. Neben ausführlichen Betrachtungen über sein Scheitern im Leben und in der Literatur betont er die Unterschiede, die ihn von der Welt seines amerikanischen Idols trennen:
Zu Melvilles Zeit fuhr man zur See. Männer heilten sich selbst, indem sie etwas taten. Noch lieber gingen sie unter und rissen in manchen Fällen, Kapitän Ahab war so einer, die ganze kleine Welt, die sie dominierten, mit sich in den Abgrund. Ich fuhr nicht zur See, ich schlachtete keine Wale, das Ungeheuer, das ich verfolgte, war mein Selbst.

Quelle: Thomas Lang – Melville verschwindet

Natürlich, die Entfernung zwischen Melville und seinem Bewunderer aus der deutschen Provinz ist immens. Trotzdem entsteht eine oft produktive Spannung zwischen den beiden Erzählsträngen. Paul, der unglückliche Selbsterforscher weiß sehr wohl, dass er kein mit den Elementen ringender Gigant wie Melville sein kann. Dennoch versucht er immer wieder sein nicht ganz unübliches persönliches Scheitern durch Identifikation mit Melvilles Lebensdramen zu überhöhen. 

Untergangsgefühle und Konflikte

Wie geht das zusammen? Nicht immer völlig schlüssig. Allerdings wissen das sowohl der Autor als auch sein Protagonist, der bekennt:
Ich kann diesen Text über Melville nicht beenden. Was mich antrieb, ihn zu schreiben, hat sich aufgelöst. Es hat sich verlagert, sollte ich besser sagen. Es liegt nicht länger im Kielraum meines Schiffes. Metapherngewässer sind voller Untiefen. Nach wie vor wird es stiller in meinem Kopf, wenn ich tippe.

Quelle: Thomas Lang – Melville verschwindet

Unverkennbar schreibt hier einer um sein Leben oder genauer: gegen sein Leben. Das gleicht einer Operation am offenen Herzen. Paul wühlt sich hinein in seine Untergangsgefühle, so wie er sich durch das Elternhaus, das er ausräumt, hindurchkämpft. Seine Konflikte sind in vollem Gange, nichts ist beruhigt und vorbei, und das Erzählen protokolliert seine ganze Not und Bedrängnis.

Passionsgeschichte und Schreibabenteuer

Was der Schriftsteller Nathaniel Hawthorne über seinen Freund Melville sagte, das lässt sich auch auf Thomas Langs Romanhelden beziehen: seine manische Intensität könne erschöpfend wirken. Anders gesagt: Pauls Psychodrama allein vermag den Roman nicht auszufüllen. Da ist es ein Glück, dass seine Passionsgeschichte durch lange Passagen aus dem unabgeschlossenen Melville-Manuskript bereichert wird. Die historischen und biographischen Szenerien aus Melvilles 19. Jahrhundert werden detailreich ausgemalt und lebendig vergegenwärtigt. Thomas Lang formuliert fast durchweg mit expressivem Wortreichtum spannungsreich und eindringlich. Sein Roman ist ein Mixtum compositum und entsprechend gibt es viele stilistische Register und Stimmungen nebeneinander. Auf kunstgerechtes Gelingen hat es der Autor bei diesem Buch, das die Verzweiflung an der Literatur immer wieder thematisiert, jedenfalls nicht angelegt. Viel eher ist „Melville verschwindet“ ein großes Wagnis und Schreibabenteuer, bei dem es ohne Blessuren und Zumutungen nicht abgeht. Das passt zu Melville, der sich mit seinem Eigenwillen über alle Regeln hinweggesetzt hat. Daran hat sich Thomas Lang offenbar ein Beispiel genommen.
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