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Description:
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Rund 200.000 Tote und Tausende Vermisste forderte das sogenannte Schwarze Jahrzehnt in Algerien, als sich zwischen 1992 und 2002 das algerische Militär und bewaffnete Truppen der Islamischen Heilsfront, der FIS, gegenseitig bis aufs Messer bekämpften.
Doch die Erinnerung daran ist vom algerischen Staat zu einem Tabu erklärt worden: 2006 trat die sogenannte Charta für Frieden und nationale Versöhnung in Kraft. Seitdem steht es unter Strafe, von diesem Krieg zu sprechen.
In dieses verordnete staatlich Schweigen zielt Kamel Daoud mit seinem Roman „Huris“. Im Mittelpunkt: eine junge Frau und Überlebende des Schwarzen Jahrzehnts. Ihr Name: Aube, die Morgenröte.
Ich bin die wahre Spur, der unwiderlegbare Beweis, für alles, was wir in zehn Jahren in Algerien erlebt haben. Ich berge die Geschichte eines ganzen Krieges in mir, der meiner Haut seit meiner Kindheit eingeschrieben ist.
Quelle: Kamel Daoud – Huris
Die Überlebenden: zum Schweigen verdammt
26 Jahre alt ist Aube, als wir ihr – wir sind im Jahr 2018, in Oran – zum ersten Mal begegnen. An ihrem Hals trägt sie eine lange Narbe, geformt wie ein erstarrtes Lächeln: 1999, als Aube knapp 8 Jahre alt war, überfielen Kämpfer das Dorf, in dem sie lebte. Man schnitt ihr die Kehle auf, doch Aube wurde gerettet.
Leben kann sie seitdem nur mit Hilfe einer Kanüle, die in ihrem Hals steckt. Stimmbänder hat sie keine mehr – es ist das Sinnbild für ein zum Schweigen gebrachtes Volk. Und doch spricht Aube unaufhörlich in diesem Roman, allem voran mit dem Kind, das sie in sich trägt.
Mit dir widersetze ich mich der Auslöschung, die dieses Land für Leute wie mich vorgesehen hat. Begreifst du, warum ich hin- und hergerissen bin zwischen dem Drang, dich zu töten, und dem, dir endlos zu erzählen?
Quelle: Kamel Daoud – Huris
Die erste Hälfte des Romans folgt Aubes Selbstgespräch. Es ist ein düsterer Monolog über einen Staat, der Mörder und Terroristen in den Genuss der Gnade brachte und die Opfer seitdem kriminalisiert.
Es ist aber auch ein Monolog voller Seitenhiebe gegen die erdrückende Übermacht der islamischen Kleriker wie auch gegen die Unterdrückung der Frauen, die sich nach dem Ende des Bürgerkriegs in Algerien, so Daoud, breitgemacht hatte.
Alles kann sich umdrehen, mit nur einem entblößten Schenkel verloren gehen; ein zu kurzes Blumenkleid entscheidet über dein Leben.
Quelle: Kamel Daoud – Huris
Roadtrip der Erinnerungen
Im zweiten Teil des Romans folgen wir dem Monolog eines Mannes namens Aissa. Er ist Fahrer und Buchhändler und nimmt Aube in seinem Auto mit in jenes Dorf, in dem man ihr und vielen anderen am Silvestertag des Jahres 1999 bei einem der letzten großen Massaker des Schwarzen Jahrzehnts die Kehle durchgeschnitten hat.
Auch Aissa ist ein vom Krieg Traumatisierter: Er, der ebenfalls nur knapp mit dem Leben davonkam, besitzt seitdem ein quasi enzyklopädisches Wissen über die verleugneten Toten.
Ihre gemeinsame Reise wird für beide zu einem Roadtrip der Erinnerungen. Für Aissa ist die Begegnung mit Aube ein Geschenk. Ihr kann er von den Toten und Gefolterten erzählen – und somit Zeugnis ablegen von deren Existenz.
Aube wiederum wird sich den Geistern der Vergangenheit stellen – und begreifen, dass sie leben darf ohne sich schuldig zu fühlen gegenüber den Toten, zu denen auch ihre eigene Schwester gehört.
Starke Botschaft, literarische Schwächen
Umso mehr überrascht einen dann das allzu gefühlige Ende des Romans – wie überhaupt der Roman literarische und konzeptuelle Schwächen hat: Daouds Figuren bleiben trotz aller Fakten merkwürdig blutleer, ihre soziale Realität wirkt wie ausgeblendet.
Sein Stil sucht das Lyrische, verliert sich aber oft in raunende Symbolik. Da hilft auch nicht die vorzügliche Arbeit des kundigen Übersetzerteams Holger Fock und Sabine Müller. Es bleibt das ungute Gefühl, der Erfolg von „Huris“ ist ein vornehmlich politischer, kein rein literarischer. |