|
Description:
|
|
Endlich haben sie ihn gefunden – den rechtmäßigen König von Ungarn! Er wohnt in einem kleinen Häuschen irgendwo in der ungarischen Pampa, und er heißt József Kada. Das ist das Setting in László Krasznahorkais neuem Roman „Zsömle ist weg“. Natürlich möchten ihn seine Anhänger gern mit „Majestät“ ansprechen. József Kada aber präferiert die Anrede „Onkel Jószi“.
Trotzdem ist klar: Onkel Józsi ist nicht der leicht verwahrloste Alte, der er zu sein scheint, sondern Abkömmling der mittelalterlichen Arpaden-Dynastie und also der rechtmäßige König von Ungarn. Weg mit der Demokratie, die ja nun wirklich nichts taugt!
Hilfe! Ungarn geht den Bach runter!
Mit einem Gegenwartspolitiker namens Orbán können die Königstreuen nichts anfangen. Überhaupt treibt sie das Gefühl um, dass es mit ihrem Land bergab geht. Das sieht man ja schon an der Dorfstraße, die einfach nicht frisch geteert wird. „Mit dem Gefühl, dass alles den Bach runtergeht, wird aktuell oft Politik gemacht“, sagt der Literaturkritiker Jörg Magenau im Gespräch auf SWR Kultur.
„Es geht um Verlustängste und um die Frage nach nationaler Identität. Daran knüpft auch die AfD in Deutschland an. Es ist ein Stimmungsgemenge: Die Politik ist schlecht, die Politiker sind miserabel, die Straßen werden nicht mehr asphaltiert. So denken Onkel Józsis Anhänger. Sie hegen Ressentiments gegen die Moderne, gegen jede Art von Veränderung und auch gegen Technik.“
Verwandtschaft zu Prinz Reuß und seinen Reichsbürgern
Im Zentrum des Romans steht der durchaus kauzig veranlagte Onkel Józsi. Er ist grundfreundlich, fühlt sich aber auch dem deutschen Prinz Reuß und seinen Reichsbürgern verwandt. Tatsächlich steht Prinz Reuß seit gut einem Jahr in Frankfurt vor Gericht.
Vorwurf: Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens. Das ist keine Kleinigkeit. Onkel Józsi aber ist ein bisschen vertrottelt. Verharmlost Krasznahorkai? „Nein“, findet Jörg Magenau. „László Krasznahorkai dämonisiert diese Leute nicht, denn ihre Verrücktheiten haben ja durchaus ihre Wirkung. Auch wenn es sich um liebenswerte Trottel und zurückgebliebene Landbewohner handelt, macht es sie nicht weniger gefährlich.“
Ein Roman, der aus elf Sätzen besteht
Wie schon in früheren Werken ist „Zsömle ist weg“ in Langsätzen verfasst. Jedes der elf Kapitel besteht aus nur einem langen Satz. Immer wieder sprechen andere Figuren, nur getrennt durch zahlreiche Kommata.
„Dieses Tiradenhafte bildet die Gedanken und Gefühle der ganzen Gruppe ab“, sagt der Kritiker Jörg Magenau. „Es formuliert die Gedanken dieser seltsamen Monarchisten, die zwischen Wahn und Wirklichkeit herummäandern.“
Literaturnobelpreis für ein fesselndes und visionäres Werk
„Für sein fesselndes und visionäres Werk, das inmitten apokalyptischen Schreckens die Kraft der Kunst bekräftigt“, erhielt László Krasznahorkai dieses Jahr den Nobelpreis für Literatur.
Er ist nach Imre Kertesz (2002) der zweite Ungar, der mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. In seiner Nobel Prize Lecture sprach Krasznahorkai über das Ende seiner Hoffnungen, denn es gibt „Krieg und nur Krieg, Krieg in der Natur, Krieg in der Gesellschaft“. Er sprach über heutige Engel, die unauffällig unter uns wandeln, aber weder Flügel noch Botschaft besitzen. |