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Podcast: SWR2 lesenswert - Literatur
Episode:

Der Schmerz des Stillstands

Category: Arts
Duration: 00:04:08
Publish Date: 2025-12-10 11:00:00
Description: Der Zufall will es, dass in diesem Jahr zwei türkische Autorinnen hierzulande wiederentdeckt werden, die ungefähr derselben Generation angehören. Sevgi Soysals „Vor dem Morgengrauen“, erstmals 1975 erschienen, ist eine Aufarbeitung der Repressionen, denen Intellektuelle und die Autorin nach dem Militärputsch in der Türkei 1971 ausgesetzt waren. Auch Tezer Özlüs Roman „Die kalten Nächte der Kindheit“ ist ein politisches Buch, aber auf indirekte Weise. Erzählt Soysal eindringlich eine autobiographisch grundierte Geschichte rund um den Militärputsch, besteht Özlüs memoirhafter Roman aus kleinen Fragmenten, die nicht-chronologisch eine Zeit von der Kindheit bis zum Ende der 70er Jahre umspannen. Ist bei Soysal der Terror in der Sprache und im Alltag präsent, so brodelt er im fast protokollierenden Ton Özlüs unter der Oberfläche. 
Mein Vater hat die Trillerpfeife aus seiner Zeit als Sportlehrer behalten. Noch bevor er morgens den übergroßen gestreiften Pyjama auszieht, bläst er in seine Pfeife: 
– Was willst du in der Armee, wenn du so empfindlich bist? Los, aufstehen! Aufstehen! Er klingt wie eine Trompete.

Quelle: Tezer Özlü – Die kalten Nächte der Kindheit

So beginnt Özlüs Roman – mit einem Morgenappell. Die Ich-Erzählerin wächst in einer kemalistisch geprägten Welt und ihren strengen Ritualen und Werten auf, aber das Verlangen richtet sich auf etwas anderes, auf Nähe und Verständnis, aufs Offene und Unkonventionelle.   

Eingesperrtsein und Ausbrüche 

Wir begleiten das Mädchen durch Kindheit und Pubertät. Die Sexualität spielt früh schon eine wichtige Rolle. Die Sehnsucht nach der Metropole Istanbul bestimmt das Denken; später folgt das Mädchen der Schwester aus der Provinz in die „sündige Stadt“. Der Besuch einer Nonnenschule – der Unterricht findet auf Deutsch statt – lehrt sie weniger Gottesfurcht, eher lernt sie etwas über Bigotterie. In den kleinbürgerlichen Vierteln beneidet man sie darum, eine internationale Schule zu besuchen – auch wenn sie vermutet, dass die Schwestern dort allesamt verrückt seien. 
In fast jedem deutschen Wort kommt ein o vor. Wir ziehen es in die Länge, um unsere Münder an das deutsche o zu gewöhnen. Danach erzählt [die Nonne] uns die Geschichte des Tages. Die Geschichte von Nietzsches Tod. Da er Gott verleugnet habe, sei Nietzsche bestraft worden, er sei wahnsinnig geworden und kläglich verreckt. 

Quelle: Tezer Özlü – Die kalten Nächte der Kindheit

Durch Heirat versucht die Erzählerin dem Eingeschnürtsein zu entkommen. Landet aber in einer anderen Art von Gefängnis. Lieber tummelt sie sich in den Kreisen ihres Bruders, bei Theaterleuten, Künstlern, Aufbegehrenden. Diese Schizophrenie fordert Tribut. Sie hegt Selbstmordgedanken. Und landet immer wieder in Kliniken, einem Apparat unterworfen, der ihren Eigensinn brechen soll.  

Kühl und abgründig 

Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt. Ich bin eine Frau. Ich erlebe das Nachspiel des euphorischen Wahns. Dazwischen lag der Schmerz des Stillstands. Jahre später begreife ich, dass sie mir nach der Narkose Elektroschocks verabreichten. Nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus bin ich völlig durcheinander. 

Quelle: Tezer Özlü – Die kalten Nächte der Kindheit

Tezer Özlü war Mitte 30, als sie diese Prosasplitter zusammenmontierte. In ihrem Roman herrscht eine klare, aber abgründige Sprache. Da ist eine Kühle der Darstellung, wie man sie bei Annie Ernaux bewundert. Unter dieser Schicht der präsentischen Nüchternheit aber spürt man jenen Tumult, der auch durch psychiatrische Disziplinierungsmaßnahmen nicht gebändigt werden kann. Allerdings weiß die Erzählerin sich zu behaupten, indem sie irgendwann Spielregeln befolgt, ohne sie zu akzeptieren.  Die Ereignisse rund um das Jahr 1971 sind präsent, nehmen bei Özlü aber keinen allzu großen Raum ein. Sie sind ein Spiegel ihres Aufbegehrens. Aber dass es in diesem Buch um den Kampf gegen das geht, was in jener Zeit geschieht und aus dem Normenspektrum ausscherenden Frauen angetan wird, das ist von Anfang an klar. Das Politische ist immer privat, das Private politisch. 
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