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Podcast: SWR2 lesenswert - Literatur
Episode:

Hanif Kureishi ‒ Als meine Welt zerbrach

Category: Arts
Duration: 00:04:09
Publish Date: 2025-12-08 13:28:00
Description: Der zweite Weihnachtsfeiertag 2022 markiert einen tiefen Einschnitt im Leben von Hanif Kureishi: Gemeinsam mit seiner Frau verbringt er die Weihnachtstage in Rom. Nach einem Spaziergang durch die Gärten der Villa Borghese wird ihm schwindelig. Kureishi stürzt und wird in ein Krankenhaus gebracht. Dort sagen ihm die Ärzte, dass einige seiner Wirbel durch den Sturz eine Art Schleuder-Trauma erlitten haben. Kureishi ist größtenteils gelähmt. Er hat zwar etwas Gefühl in seinen Armen und Beinen, bewegen kann er sie aber nur sehr eingeschränkt. Schon im Krankenhaus beginnt er, seiner Familie kleine Zustandsberichte zu diktieren. Das Erzählen, das sein Leben bislang bestimmt hat, gibt ihm auch in dieser Situation Halt: 
Die Literatur als Kunstform ist, was ihr zur Ehre gereicht, ein schmutziger Bastard. Vom Vulgärsten und Skurrilsten bis zum Erhabensten und Poetischsten – alles kann man in ein Buch packen, formen und zu etwas Unvergesslichen machen. Ein Insekt, einen Helden, ein Gespenst oder Frankensteins Monster. […] Jeden Tag öffne ich beim Diktieren dieser Gedanken das, was von meinem zerstörten Körper übrig ist, um dem Chaos, in dem ich versinke, eine Form zu geben; um zu verhindern, dass ich innerlich sterbe. 

Quelle: Hanif Kureishi ‒ Als meine Welt zerbrach

Spannungsbogen vom Vulgären bis zum Erhabenen 

Auch Kureishis Berichte spannen den Bogen vom Vulgären bis zum Erhabenen: Er informiert ausführlich über seinen Stuhlgang und Urin. Darüber hinaus erzählt er von neu geschlossenen Freundschaften und Momenten, in denen er mit Pflegern aneinandergerät. Mit trockenem Humor bemerkt Hanif Kureishi: Er würde niemanden zu einem Unfall wie seinem raten. In seinen Einträgen hält er aber auch auf bewegende Weise fest, wie sich der Blick auf die Welt verändert, wenn sich diese auf die Zimmer eines Krankenhauses beschränkt:  
Als ich heute Nachmittag im Fitnessraum sah, wie all die anderen Patienten mit ihren lädierten und deformierten Körpern von Physiotherapeuten behandelt und gestreichelt wurden, veränderte sich etwas in mir. Wenn man nur die Nachrichten und Fernsehen schaut, dachte ich, gewinnt man den Eindruck, die Welt sei hart, bewohnt von geldgierigen und narzisstischen Verbrechern. Sieht man aber die gemeinschaftliche Arbeit im Fitnessraum, erscheint sie einem als Ort der Schönheit, der gegenseitigen Unterstützung und des Respekts voreinander.  

Quelle: Hanif Kureishi ‒ Als meine Welt zerbrach

Im Original lautet der Titel des Buches Shattered, also Zerbrochen, und er ist Programm. Hanif Kureishi sortiert beim Erzählen das Leben, das in Scherben vor ihm liegt. Wiederholt kehrt er zu seiner Kindheit in den 1960er-Jahren zurück, zu seinen Erfolgen als Drehbuchautor und dem endgültigen Entschluss, Schriftsteller zu werden.  

Vom Drehbuchautor zum Erfolgsschriftsteller mit Der Buddha aus der Vorstadt 

Eine gewichtige Rolle spielten dabei der Erfolg von Salman Rushdies preisgekrönten Roman „Mitternachtskinder“ und die Erkenntnis, dass noch niemand einen Roman aus Sicht der zahlreichen Einwanderer geschrieben hatte, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Großbritannien kamen. Die Geschichten, wie sie in Kureishis Debütroman „Der Buddha aus der Vorstadt“ vorkommen, sind dem Leben abgelauscht, berichtet er: 
Da in den 1960er-Jahren viele Pakistaner nach Großbritannien kamen, […] bekam ich damals viele faszinierende Geschichten über den multiethnischen Wandel Großbritanniens zu hören. Geschichten über Rassismus und Not, aber auch über arrangierte Ehen, indische Restaurants, kleine Läden an der Ecke, Fabrikarbeiter, Familien, die anfingen, Immobilien zu kaufen, und über die neuen Communitys, die damals rund um den damaligen London Airport, heute Heathrow, entstanden.

Quelle: Hanif Kureishi ‒ Als meine Welt zerbrach

Berührendes Buch über die Widerstandskraft des Erzählens 

Kureishi schreibt, dass er als Autor stets hofft, seine Geschichten mögen jemanden berühren. Indem er offen, schonungslos und mal mit sanftem, mal mit derbem Humor von seinem Schicksal berichtet, gelingt ihm mit „Als meine Welt zerbrach“ genau das. Das Buch ist ein bewegendes Zeugnis davon, welche Widerstandskraft sich aus dem Erzählen schöpfen lässt.  
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