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Description:
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Joyce Carol Oates ist eine Meisterin des psychologischen Realismus und der Dystopien. Sechs von zwölf Kurzgeschichten im aktuellen Sammelband „Nullsumme“ sind in einer Gegenwart angesiedelt, die fast unmerklich ins Surreale kippt. In der Titelgeschichte „Nullsumme“ bedrängt eine ehrgeizige Philosophie-Studentin ihren bewunderten Professor mit ihrem Wunsch nach einer engen Verbindung. Der bizarre Bewusstseinsstrom der Protagonistin macht die Geschichte durch die Perspektive der unzuverlässigen Erzählerin spannend.
Die Studentin hat ihre Zukunft an der Seite des Professors klar durchkalkuliert wie in einem Nullsummenspiel, bei dem in der Spieltheorie alles an den Gewinner geht. Den harten Konkurrenzkampf unter den Doktoranden glaubt die junge Frau, für sich entscheiden zu können.
Simpelste Ökonomie. Darwin’sche Auswahl. Die Schwachen bleiben auf der Strecke, die Starken führen ihren Wagen über die Gebeine der Toten. … die Tyrannei der Macht schafft das Recht. Übliche amerikanische Denkweise: Alles für den Gewinner!
Quelle: Joyce Carol Oates ‒ Nullsumme
Joyce Carol Oates erweist sich als bestens vertraut mit den internen Riten des Universitätsmilieus. Alles in dieser Geschichte ist stimmig: Das genau beobachtete Intrigenspiel im abgeschotteten Universitätskosmos, der grausam-berechnende Umgang der Protagonistin mit der jungen Professorentochter sowie der überraschende Ausgang der Erzählung.
Grenzerfahrungen
Ebenso überzeugend ist in der Short story „Die Kälte“ auch das Psychogramm einer schlaflos umherirrenden Mutter, die von rätselhaften Kälteattacken heimgesucht wird. Oates‘ virtuose Bildsprache macht die quälende Schlaflosigkeit der Protagonistin beinahe körperlich spürbar:
Der Schlaf kommt in Fetzen. Der Schlaf kommt in Schlieren. Dünner breiiger Schlaf, der einige flüchtige Sekunden über dich hinwegzieht, den Rückzug antritt und dich beraubt zurücklässt. Schlaf wie eine spöttische/peinigende Liebkosung Schlaf, der klebrig suppt: Porridge-Schlaf. Schlaf, der flaumig ist, luftig, zu dünn, um nahrhaft zu sein: Feder-Schlaf.
Quelle: Joyce Carol Oates ‒ Nullsumme
Die seit Jahrzehnten pausenlos publizierende Autorin beherrscht ihr schriftstellerisches Handwerk so sicher, dass sie Gefahr läuft, sich in mechanischen Variationen ohne Erkenntnisgewinn zu verlieren.
Über siebzig lange Seiten schmiedet in der zentralen Geschichte „Der Selbstmörder“ ein hoch begabter, psychisch kranker Schriftsteller unablässig Pläne für den perfekten Abschiedsbrief und die sicherste Suizidmethode. In Anlehnung an die Biografie des depressiven Kultautors David Foster Wallace lässt uns Joyce Carol Oates im Bewusstseinsstrom des Erzählers teilhaben an dessen entmutigenden Klinikaufenthalten und den vergeblichen Versuchen seiner Ehefrau, das Leiden ihres Mannes zu lindern.
Dystopische Weltsicht
Die Ausweglosigkeit in einer immer bedrohlicher empfundenen Welt gehörte schon in den 1970er und 80er Jahren zu den bevorzugten Themen in Oates‘ Short storys. Im letzten Teil der aktuellen Sammlung treibt die Autorin ihre beklemmenden Fantasien weiter voran. Eine verkrüppelte „Monsterschwester“ sprengt in der gleichnamigen Geschichte ein ganzes Familiensystem, in dem die ausgestoßene Tochter und Erzählerin einsam zurückbleibt. Diese düsteren, grausamen Geschichten stehen in der Tradition der „Gothic fiction“, auf Deutsch „Schauerliteratur“, bei der der Schrecken zur ästhetischen Ware wird.
In einem Interview erklärte Oates, es gehe in all diesen Geschichten um Menschen, die versuchten, Spiele mit anderen zu gewinnen und die glaubten, man könne dabei verhandeln, berechnen und kalibrieren. Wie schnell uns aber die vermeintliche Kontrolle über unser Leben entgleiten kann, gehört zu den bittersten Erkenntnissen, die Oates‘ Short Storys vermitteln. Nicht in allen Geschichten gelingt ihr das überzeugend, aber wer Lust auf literarische Experimente und dystopische Fantasien mitbringt, kann sich auf sprachlich ausgefeilte Lesefrüchte freuen. |