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Und: Warum lassen wir die jungen Menschen nicht mitbestimmen?
DK163 - Kinder und Jugendliche in der Klimakrise
Und: Warum lassen wir die jungen Menschen nicht mitbestimmen?
"Das Klima”, der Podcast zur Wissenschaft hinter der Krise. Wir lasen den sechsten Bericht des Weltklimarats und erklären den aktuellen Stand der Klimaforschung.
In Folge 163 geht es um Kinder und Jugendliche. Sie sind die, die in Zukunft am meisten unter der Klimakrise zu leiden haben. Aber in der Forschung dazu kommen sie kaum vor. Was wir über das Wissen der jungen Menschen, ihre Ängste und Vorstellungen herausgefunden haben, diskutieren wir in der neuen Folge von “Das Klima”.
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Jugendliche und die Klimakrise
Wir wollen heute wissen, was die Wissenschaft über Klimakrise und junge Menschen tatsächlich sagen kann und wo die großen Lücken liegen.Aber: Was meinen wir überhaupt, wenn wir Kinder und Jugendliche sagen? Je nach Studie fallen die Definitionen unterschiedlich aus. Aber prinzipiell sind Kinder zwischen 0 bis 17 Jahre alt und Jugendliche 10 bis 24 Jahre. Die Zahlen machen deutlich, dass es um enorme Gruppen geht: Kinder sind rund 30 Prozent der Weltbevölkerung, Jugendliche etwa 25 Prozent. Das ist keine kleine Randgruppe, sondern ein großer Teil der Menschheit, der in der Klimakrise gleichzeitig besonders verletzlich ist und zugleich ständig mit Erwartungen überhäuft wird.
Kinder gelten meist als vulnerable Gruppe, die geschützt werden muss. Erwachsene, also wir, gelten als Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger, an die Politik adressiert wird. Jugendliche hängen oft dazwischen. Genau deshalb schauen wir uns heute zwei Forschungsarbeiten aus 2025 an, die beide zeigen, dass Jugendliche sowohl politisch als auch wissenschaftlich unterrepräsentiert sind.
Als erstes nehmen wir eine Studie (Inclusion of children and youth in the IPCC Assessment Reports (AR1-AR6)), die ganz nüchtern zählt und einordnet: Wie oft kommen Kinder und Jugendliche eigentlich in den IPCC-Sachstandsberichten vor und in welchem Zusammenhang werden sie erwähnt?
Die Autorinnen und Autoren schauen auf die Berichte 1 bis 6 und zeigen, dass in den frühen Sachstandsberichten praktisch kaum etwas zu finden ist. Erst ab Bericht 5 wird es sichtbarer, und im sechsten Bericht gibt es einen deutlichen Sprung. Dabei fällt besonders auf, dass Jugendliche bis einschließlich AR5 fast unsichtbar bleiben und erst in AR6 spürbar häufiger auftauchen.
Wir sprechen nicht nur über die Anzahl, sondern vor allem über das Framing. Ein erheblicher Teil der Erwähnungen passiert in Aufzählungen, in denen Kinder und Jugendliche zusammen mit anderen Gruppen genannt werden, etwa wenn von vulnerablen Gruppen die Rede ist. Das heißt: Sie kommen vor, sind aber oft nicht der Fokus. Wenn sie stärker im Mittelpunkt stehen, dominieren bei Kindern die Risiken, während bei Jugendlichen häufiger die Reaktionen und die Art, wie sie mit der Klimakrise umgehen, beschrieben werden.
Bei den Risiken sieht man eine klare Trennung: Bei Kindern geht es stark um körperliche Gesundheit, Ernährung, Sterblichkeit, Wasserversorgung und Hygiene. Bei Jugendlichen tauchen häufiger psychische Gesundheit, Belastung und Migration als Risiko-Kontexte auf. Bei den Reaktionen wird es noch deutlicher: Kinder werden vor allem über Verletzlichkeit und Ungleichheit geframed, Jugendliche sehr stark über Partizipation und Aktivismus. Das klingt einerseits nach Anerkennung, kippt aber schnell in ein Ungleichgewicht: Jugendlichen wird Verantwortung zugeschoben, während ihnen echte Mitbestimmung häufig fehlt.
Wie verhalten sich Jugendliche angesichts der Klimakrise?
Als zweites schauen wir auf eine Scoping Review, die bündelt, was die Forschung über Jugendliche und Klimakrise bisher überhaupt herausgefunden hat (Climate Change Cognition, Affect, and Behavior in Youth: A Scoping Review).
Der Review ordnet Erkenntnisse in drei Bereiche: Kognition, also Wissen und Verstehen, Affect, also Gefühle und emotionale Reaktionen, und Verhalten, also Handlungen und Engagement. Gleichzeitig zeigt sie, wie dünn die Forschungslage ist. Insgesamt werden 50 Studien gefunden, das erste Paper in diesem Feld stammt aus 1992. Die regionale Abdeckung ist stark ungleich, viele Studien kommen aus Ländern wie den USA und Schweden. Außerdem sind Langzeitstudien selten, obwohl gerade die Zeitdimension wichtig wäre, weil sich Einstellungen, Sorgen und Reaktionen über Jahre verändern können.
Beim Denken und Wissen wirkt das Bild zunächst stabil. Die Existenz der Klimakrise wird von großen Mehrheiten anerkannt. Auch die Ursachen werden überwiegend menschlichen Aktivitäten zugeschrieben, mit Ausnahmen in einzelnen Studien, in denen natürliche Ursachen oder religiöse Deutungen stärker auftreten. Bei den Auswirkungen ist das Bild gemischter: In ungefähr der Hälfte der Studien sagen Jugendliche, dass sie Auswirkungen bereits spüren, und häufig wird ein Zusammenhang zwischen Klima und Gesundheit hergestellt. Bei Lösungen sehen wir, dass frühere Studien teils ein unspezifisches Umweltverständnis zeigen, während später die Verbindung zwischen konkreten Maßnahmen und konkreten Problemen klarer wird. Viele Jugendliche stehen Gesetzen, Regeln und auch Instrumenten wie Steuern eher positiv gegenüber, zweifeln aber daran, dass die nötigen Schritte tatsächlich umgesetzt werden.
Wenn wir zu Gefühlen kommen, wird es deutlich lückenhafter. Sorge, Angst und Bedenken sind verbreitet, variieren aber stark nach Kontext und Region. Ein wiederkehrender Befund ist, dass die Sorge steigt, wenn man sich intensiver mit dem Thema beschäftigt, etwa in Kursen oder Unterricht. Das ist keine Fehlentwicklung, sondern eine normale Reaktion auf eine bedrohliche Faktenlage. Entscheidend ist, dass Jugendliche danach nicht allein gelassen werden. Dort, wo Langzeitdaten vorliegen, nimmt die Sorge über die Jahre eher zu. Für Optimismus und Hoffnung ist die Studienlage so dünn, dass wir kaum robuste Aussagen bekommen.
Beim Verhalten sieht man, dass viele Jugendliche aktiv sind, etwa durch Veränderungen im Alltag oder durch Protest. Besonders wichtig ist die soziale Komponente: Wenn Handeln als gemeinschaftliche Aufgabe organisiert wird, funktioniert es oft besser, als wenn alles auf individuelles Verhalten reduziert wird. Aktivismus taucht dabei auch als Coping-Strategie auf, also als ein Weg, mit Ohnmacht und Belastung umzugehen. Gleichzeitig bleibt die Belastung real, und wir nehmen aus der Review vor allem mit, dass Bildung nicht nur Klimaphysik vermitteln sollte, sondern stärker auf Lösungen, gemeinsames Handeln und den Umgang mit Emotionen setzen muss. Wissen allein erzeugt keine Handlung, sondern braucht Motivation, Unterstützung und kollektive Strukturen.
Jugendliche und die Diktatur
Am Ende gibt es noch einen kurzen Exkurs zu einem Thema, das auf den ersten Blick nicht Klima ist, aber indirekt viel damit zu tun hat: Demokratie und autoritäre Einstellungen. Wir sprechen über eine Umfrage aus Österreich, in der gefragt wurde, ob unter bestimmten Umständen eine Diktatur im nationalen Interesse die bessere Staatsform sei. Deprimierend ist besonders die Aufschlüsselung nach Alter, weil die Zustimmung bei jüngeren Menschen höher ausfiel als bei älteren.
Aus der Jugendforschung zur Klimakrise können wir nicht einfach ableiten, wie die nächsten Jahrzehnte politisch laufen werden. Die Datenlage ist zu lückenhaft, zu regional verzerrt und oft zu stark an Schulen und Hochschulen rekrutiert. Aber wir halten fest: Verantwortung wird Jugendlichen schnell zugeschoben, echte Gestaltungsmacht dagegen viel seltener.
Bücher
Das neue Buch von Florian heißt “Die Farben des Universums”, erscheint im Februar 2026 und kann schon vorbestellt werden.
Das neue Buch der Science Buster heißt "AUS! - Die Wissenschaft vom Ende" und erscheint im Hanser Verlag. Tickets und Infos für die Live Show gibt es unter sciencebusters.at
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Claudia forscht und lehrt an der TH Köln rund um Wissenschaftskommunikation und Bibliotheken und plaudert im Twitch-Stream “Forschungstrom” ab und an über Wissenschaft.
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